Die Jahresringe eines Baumes zeigen: Es gibt nicht nur chronologische Zeitverläufe. Jede Zeit hat auch ihre eigene Qualität.

Adventliches Nachdenken über die Zeit

Kurze Tage, lange Nächte – das ist es, was ich zu dieser beginnenden Adventszeit am deutlichsten wahrnehme. Viel Dunkelheit und wenig Licht. Doch wir gehen ja der Wintersonnenwende bereits mit großen Schritten entgegen und die Verhältnisse werden sich noch vor Weihnachten wieder umkehren – Tag für Tag wird es dann ein wenig lichter!
Diese letzten, meist dunklen, Tage und Wochen des Jahres bringen mich unweigerlich in Kontakt mit der Zeit, laden mich ein, über sie und wie ich sie erlebe, nachzudenken.

Offenbar gibt es ja eine mathematische Betrachtung von Zeit (der Tag hat 24 Stunden, die Stunde 60 Minuten, im Sommer, wie im Winter). Und zugleich gibt es ein Zeitempfinden, dass sich aller Mathematik entzieht: Fünf Minuten in der Warteschleife beim Versuch, meinen Stromanbieter zu erreichen, können mir wie eine Ewigkeit vorkommen. Aber fünf Minuten der Begegnung mit einem angenehmen Gesprächspartner – da vergeht die Zeit wie im Flug. Zeit ist absolut und relative zugleich. Es gibt Chronos – benannt nach dem Sohn Uranos aus der griechischen Mythologie. Er stürzte seinen Vater vom Thron und fraß alle seine Kinder auf, damit ihm nicht eines Tages das gleiche Schicksal widerfährt. Und so wie er, frißt die Zeit alle ihre Kinder, alles verliert sich im Dunkel der Zeit. Wenn wir heute also vom „chronischen“ Zeitmangel sprechen, dann erinnern wir uns an Chronos.

Aber es gibt in der gleichen Mythologie auch Kairos, den Gott des rechten Augenblicks. Er ist der jüngste Sohn von Zeus, dem einzigen Überlebenden des Kindermordes durch Chronos, also dessen Enkel. Dargestellt wird er oft mit kahlem Nacken, aber einem Haarschopf an der Stirn. Sinnbild dafür, dass man die Zeit von vorne beim Schopfe packen sollte, nicht hinten, wenn sie bereits an einem vorüber gegangen ist.
Dieser Kairos repräsentiert die Gegenwart, das Jetzt, den Moment, den es zu erfassen gilt. Die Qualität also, die ich dem gegenwärtigen Augenblick beimesse. Chronos dagegen steht für die Quantität von Zeit und konfrontiert uns so mit der Vergangenheit und Vergänglichkeit.

Gerade die Advents- und Weihnachtszeit kann uns ja Momente des Kairos bescheren, Zeiten der Ruhe und Besinnung, die wir still genießen können und dürfen. Momente, in denen wir – nicht wie sonst – ständig auf die Uhr schauen. Nein, die Zeit darf vergehen, wir aber widmen uns ganz dem augenblicklichen Erleben.

Mein Foto zu diesem Beitrag zeigt die Jahresringe eines Baumes. Auch hier sehe ich deutlich: Zeit vergeht nicht nur chronologisch. Zu erkennen sind ja sowohl helle und dunkle Abschnitte. Und ich erkenne sowohl dickere wie dünnere Schichten, also verdichtete Zeiten, die offenbar schnell vergangen sind und weniger dichte, mehr gelöste Zeiten.

Dass die Zeit (auch meine Zeit) vergeht, kann ich nicht ändern. Sie liegt ohnehin in Gottes Hand. Aber wie sie in meinem Männerleben vergeht, darauf kann ich wohl Einfluss nehmen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, lieber Leser, eine gute, erfüllte Zeit – gerade in diesen Tagen.

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Ein Kommentar zu Adventliches Nachdenken über die Zeit

  1. Stephan Burghardt
    Stephan Burghardt 30. November 2016 um 14:12 #

    Hallo Hans

    da fällt mir doch ein Gedicht von Gottfried Benn ein (1956 gestorben), das ich während meines Studiums im Deutschunterricht bearbeiten musste. Es ist mir bis heute im Kopf hängen geblieben und ich kann es sogar noch auswendig.
    Es hat einen einzigen Mangel – es verweist den Menschen nicht über sich hinaus auf Gott in Jesus Christus, wie es die Advents- und Weihnachtszeit tut, und ist deshalb weniger hoffnungsvoll, aber es ist trotzdem bedenkenswert. Der Titel Reisen irritiert vielleicht in Zusammenhang mit deinem Text, aber ich denke dass der Gedanke der gefüllten/erfüllten Lebenszeit, auch hier hindurchschimmert.

    Reisen

    Meinen Sie Zürich zum Beispiel, sei eine tiefere Stadt, wo man Wunder und Weihen, ständig zum Inhalt hat?
    Meinen Sie aus Habana, weiß und hibiskusrot, leuchtet das ewige Manna, für ihre Wüstennot?
    Bahnhofstraßen und Rueen,, Boulevards, Lidos, Laan -, selbst auf den Fifth Avenueen
    fällt Sie die Leere an.
    Auch vergeblich das Fahren, spät erst erfahren Sie sich: schweigen und stille bewahren, das sich umgrenzende Ich.

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