Anfang oder Ende?

„Aller Anfang ist schwer“ – so das Sprichwort. Und ich nicke zustimmend. Es ist oft schwer etwas anzufangen. Manchmal stehe ich vor einer Aufgabe und sie scheint wie ein Berg vor mir zu liegen. Wo anfangen? Wie beginnen? Und so bleibt sie liegen. Tag um Tag. Woche um Woche. Aller Anfang ist schwer.

Aber dann schleicht sich Widerspruch in meine Zustimmung. „Aller“ Anfang? Das stimmt so nicht. Es gibt Anfänge, die fallen mir sehr leicht. Dann beginne ich eine Aufgabe oder ein Vorhaben voller Euphorie. Nichts kann mich stoppen. Das kann eine sportliche Herausforderung sein. „Mehr Sport machen“ – wie oft hab ich das schon angefangen. Motiviert und engagiert zwei bis dreimal pro Woche. Im Blick eine blühende Fitness und innerlich sehe ich schon die bewundernden und leicht neidischen Blicke anderer auf mir, die sich sagen: „Krasse Figur. Und das in dem Alter.“ Oder wenn ich zu Hause eine gravierende Strukturmaßnahme beginne. „Neuordnung Arbeitszimmer“ z.B. Da lege ich aber los. Ich fange an. Voller Ideen und Pläne und ich sehe vor meinem inneren Auge ein wohlsortiertes Bücherregal, eine klare Ablage und geordnete Verhältnisse.

Mit der Zeit stelle ich dann (zunehmend zerknirscht) fest: Der Anfang ist gar nicht das Problem. Das Dranbleiben ist viel schwerer. Den ehrgeizigen Trainingsplan nicht nur die ersten drei Wochen, sondern das ganze Jahr durchzuziehen – das ist die Schwierigkeit. Und mein Arbeitszimmer… lassen wir das. Es ist oft nicht der Anfang, der schwer ist.

Und manchmal ist es auch das Ende, das mir schwer fällt. Den letzten Schritt zu tun. Ich denke an unsere schön gestaltete Terasse. Seit Jahren grinst mich dieses Kabel an. An der Stelle, wo „wenn mal Zeit ist“ noch eine Lampe montiert wird. Nur noch eine Lampe. Dann wäre das fertig. Es gibt noch mehr so Baustellen, bei denen es am Ende fehlt. Wo es der letzte Schritt ist, der viel schwerer fällt als alles vorangegangene. Kaum zu glauben, wie schwer es ist , manchmal ein Ende zu finden.

Was ist jetzt schwerer? Anfang oder Ende? Ich will mich nicht festlegen. Manchmal ist es das eine, manchmal das andere. So ist mein Leben geprägt von Anfängen und Enden, von Leichtigkeit und Mühe, von Aufstiegen und Abstürzen. Und in allem ist mein Leben getragen von meinem Glauben an einen Gott, der mir sagt: „Ich bin das A und das O – der Anfang und das Ende.“ Dieser Glaube macht mir Mut. Weil ich mich darin aufgehoben weiß. Weil Ursprung und Ziel meines Lebens, meine Anfänge und meine Enden, meine Aufbrüche, meine Erfolge und mein Scheitern eingebunden sind in einen größeren Rahmen. In den Rahmen Gottes, der Anfang und Ende in seinen Händen hält.

Manuel Schittenhelm

 

Bildnachweis: Josef Hermann (Seeboden)

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