„Angenommen …“

Norbert Seibold-maennersegen„Nehmet einander an.“ Mit diesen Worten beginnt die Jahreslosung für das Jahr 2015.
Den Nächsten, den Andersartigen, den Fremden annehmen und sich für den Menschen öffnen, der mir heute begegnet, das ist ganz im Sinne Jesu, das ist ihm ein Herzensanliegen.
Auf dem Weg in die zweite Jahreshälfte ist mir folgender Geschichte begegnet, die im Sinne der Jahreslosung Impulse für unsere Begegnungen und für den Umgang miteinander geben kann:

Eine ältere Dame kauft sich einen Teller Suppe. Behutsam trägt sie die dampfende Köstlichkeit an einen Stehtisch und hängt ihre Handtasche darunter. Dann geht sie noch einmal zur Theke. Sie hat den Löffel vergessen. Als sie zum Tisch zurückkehrt, steht dort ein Afrikaner – schwarz, Kraushaar, bunt wie ein Paradiesvogel – und löffelt die Suppe. Zuerst schaut die Frau ganz verdutzt. Dann aber besinnt sie sich, lächelt den Mann an und beginnt ihren Löffel zu dem seinen in den Teller zu tauchen. Sie essen gemeinsam.
Nach der Mahlzeit – unterhalten können sie sich kaum – spendiert der junge Mann ihr noch einen Kaffee und verabschiedet sich höflich.
Als die Frau gehen will und unter den Tisch zur Handtasche greift, findet sie nichts. Alles weg. Also doch ein gemeiner, hinterhältiger Spitzbube. Enttäuscht, mit rotem Gesicht schaut sie sich um. Er ist spurlos verschwunden. Am Nachbartisch erblickt sie einen Teller Suppe, inzwischen ist er kalt geworden. Darunter hängt ihre Handtasche.

Die Geschichte zeigt, wie sich das Bild, das sich die Frau von ihrem Gegenüber gemacht hat, verändert. Nicht der Fremde hat ihre Mahlzeit aufgegessen, sondern sie die seine. Nicht sie war die Großzügige und Tolerante, die dem Afrikaner einen Teil ihres Essens überlassen hatte, sondern sie selbst war die Eingeladene. Wenn in zwischenmenschlichen Beziehungen Vorurteile die Herrschaft gewinnen, dann ist eine wirkliche Begegnung nicht mehr möglich.

„Nehmet einander an.“
Das ist ein guter Impuls, um über unsere Lebenswirklichkeit als Männer nachzudenken, die ja eher von ganz Anderem geprägt ist: Von Angst vor allem Fremden, von Eigeninteressen, Rechthaberei, Ellbogenmentalität, Abwehr des Andersartigen. Zum Segen werden wir einander, wo wir uns selbst von Christus angenommen wissen und deshalb im Sinne der Jahreslosung handeln:
„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat,
zu Gottes Lob.“ Römer 15,7

Nobert Seibold, Männerpfarrer im Dekanat Blaufelden

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