Aufbruch – nicht Zerbruch

12. Tagung der Süddeutschen Jährlichen Konferenz in Stuttgart SSB-Zentrum - Leitungswechsel bei radio m: Dagmar Köhring und ihr Vorgänger Matthias Walter -

Eine Woche Fortbildung in einem guten Hotel mit Rundumversorgung liegen vor mir. Ich freue mich auf diese Tage. Abstand gewinnen, Lernen und Ruhe – das ist doch was! Am frühen Nachmittag soll ich einen Kollegen abholen. Zuvor habe ich eine unendliche Liste von Dingen, die ich „noch schnell“ erledigen muss. Wieder einmal habe ich mir wider besseres Wissen zu viel vorgenommen. Meine Bewegungen werden fahrig, ich lasse Dinge fallen und verletze mich sogar. Ich lese und beantworte Mails, bringe drei Briefe zur Post, fahre zur Tankstelle, quäle mich mit einem altmodischen Luftdruckgerät ab, telefoniere dazwischen noch mit vier Leuten. Das Büro sieht unmöglich aus; schon seit Tagen will ich mal schnell staubsaugen. Dann schnell den Koffer gepackt und noch einen Teller in die Mikrowelle gesteckt; Essen, das ich voller Hektik herunterschlinge. Ich packe meine Sachen ins Auto und rase dann mit über 50 durch die 30er-Zone zum S-Bahnhof. Die Bahn fährt ein, der Kollege steigt ein – und wir fahren los. Endlich…
An zwei Stellen in der Jesusgeschichte (Markus 7,24; Matthäus 19,1) wird davon berichtet, dass Jesus „aufbrach“. Einmal bricht er nach Süden auf und weiß genau, dass dieser Weg ihn in Leid und Elend führen wird, dass er wegen seiner Botschaft zu Tode kommen wird. Einmal bricht er nach Norden auf und weiß genau, dass er in unbekanntes Terrain kommt, wo die Leute nichts mit seinem Glauben zu tun haben. Und doch atmen beide Berichte eine unterschwellige Ruhe aus. Jesus ist sich seines Weges sicher. Er bricht aus der Ruhe heraus auf. Das lässt ihn auch Situationen bestehen, die schwer sind, die alle Kräfte fordern. Sein Aufbruch hat nichts mit meiner Hektik zu tun. Ich frage mich: Warum mache ich das? Warum packe ich in meine wenige Zeit viel zu viel hinein? Ist es die Angst, Unerledigtes zurückzulassen? Nicht den Ansprüchen – meinen Ansprüchen – zu genügen? Ich selbst bin mein Antreiber.
Ich spüre, so zu leben führt zu Zerbruch und nicht zu Aufbruch. Vielleicht, denke ich, gehört zum richtigen Aufbrechen die richtige Haltung. Nicht die Sicherheit des Weges, aber die Ruhe des Wissens: Ich bin gekannt, gehalten und gewollt von Gott, wie immer mein Weg aussieht, wo immer hin ich aufbreche, und manchmal aufbrechen muss. Gott wird bei mir sein.

Matthias Walter, Pfarrer in der Methodistischen Gemeinde Rutesheim, männerbewegt

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