Augen-Schein und Inne-Halt

Plötzlich ist die Sicht getrübt. Das rechte Auge macht nicht mehr mit: „Glaskörperabhebung und kleines Loch in der Netzhaut“ lautet die nüchterne Diagnose. So bin ich nach einem Lasereingriff unerwartet ruhig gestellt und aus dem alltäglichen Treiben herauskatapultiert. Dabei hatte ich so viele Dinge zu erledigen, Termine wahrzunehmen, Aufgaben zu erfüllen. Rasch wird mir klar, wie sehr ich bei allem Tun doch ein Augen-Mensch bin. 80 Prozent aller Sinneseindrücke kommen durch das Auge, sagt man. Und das stimmt wohl. Aber nun? Lesen? Geht schlecht und ist schnell anstrengend. Texte für diesen Blog schreiben? Mühsam, weil Bildschirm und Tastatur vor meinen Augen verschwimmen. Endlich einmal den überfüllten Postkorb ausmisten, Kontoauszüge abheften, das Bücherregal aufräumen? Ebenso rasch ermüdend. Jetzt, da meine Augen das „Außen“ nur noch sehr eingeschränkt aufnehmen können, ist auf einmal beinahe erschreckend viel Zeit zum Nachenken und Nachspüren da.

Spazieren gehen, ins Weite, ins Grüne schauen – ohne Zweck und Ziel durch Felder und Wiesen streifen – das ist erholsam, auch für meine Augen! Wie schön blau-weiß der Himmel heute ist! Wie sich die gelben Senfblüten gegen ihn abheben! Das kann ich trotz der Einschränkung gut erkennen. Und wie der grüne Weizen im Wind wogt! Jetzt die strapazierten Augen einmal schließen, den Vogelstimmen lauschen und dem Summen der Bienen im Akazienbaum. Diesen betörenden Duft dazu einatmen!

Innehalten, und dadurch auch Innen wieder Halt finden. Denn diese Sehstörung hatte zunächst auch etwas Bedrohliches, warf mich aus der Bahn, bereitete mir Angst und Sorgen. Was, wenn es nicht mehr gut wird, wenn ich nicht mehr in gleicher Weise meiner Arbeit nachgehen, nicht mehr Auto fahren kann? Nun – inmitten der Natur – werde ich ruhiger, bitte Gott um Heilung und danke ihm für diese beiden Wunderwerke: Meine Augen. Aber auch für die anderen Sinne, die jetzt neu erwacht sind und gerade mehr denn je gebraucht werden.

 

Erst wenn das Sehen eingeschränkt ist, wird deutlich, wie wichtig dieses Sinnesorgan ist

Erst wenn das Sehen eingeschränkt ist, wird deutlich, wie wichtig dieses Sinnesorgan ist

Was könnte die Lehre aus dieser Erfahrung sein? Die Augen mehr schonen? Bewußter entscheiden, was ich in mich durch sie hineinlasse? Nicht mehr alles so kritisch in Augenschein nehmen, weniger eng sehen, den Blick immer wieder weiten? Auch mit Unschärfen leben können? Stattdessen ganzheitlicher und mit allen Sinnen da sein? Ja – und viel öfter Innehalten! Es gut sein lassen und ein Ende finden – auch wenn hier noch viel geschrieben werden könnte….

 

Wie gefällt Ihnen dieser Beitrag?

  • Sehr gut (0)
  • Gut (0)
  • Geht so (0)
  • Gar nicht (0)

, ,

Noch keine Kommentare.

Schreibe einen Kommentar