Der kritische Segen

Rink„Meinen Segen hast du“, sage ich zu meinem Sohn, wenn er etwas vor hat und mich um Erlaubnis fragt. Ich habe mir sein Vorhaben angehört, vielleicht auch mit Skepsis, ob es denn gelingt, aber soll er ruhig mal machen. Manche Dinge benötigen einfach die Unterstützung und die Akzeptanz anderer. Und unabhängig vom Gelingen, ist es die Erfahrung, etwas unternommen zu haben, schon wert. Seinen Segen geben, heißt doch, etwas in Bewegung bringen, etwas verändern und gestalten zu dem hin, was ich für gut und wichtig halte.
Der Begriff Kritik in seiner Grundbedeutung kommt von dem Wort „unterscheiden“, etwas wird beurteilt. Wir verwenden es heute fast nur noch im negativen Sinn, indem etwas bemängelt wird. Aber sie kann auch positiv gemeint sein: ich habe etwas geprüft und für gut befunden. Kritik will also auch etwas zum Besseren verändern, wenn sie nicht gerade in eine immerwährende Krittelei ausartet, die nur alles negativ beurteilt um des Nörgelns willen. Segen und Kritik haben also etwas gemeinsam, sie wollen die Welt verändern und gestalten.

Seit einigen Monaten trage ich ein Armband mit dem Aufdruck „www.Meckerfreie-Zone.de“. Es will mich daran erinnern, weniger bis gar nicht zu meckern. Und immer wenn ich mich dabei ertappe, wechselt das Band von einer Hand zur anderen. Ziel ist es, 21 Tage meckerfrei zu leben. Ich bin mittlerweile skeptisch, ob ich das mal schaffe. Meckern ohne etwas zum Besseren verändern zu wollen oder auch konstruktiv Probleme anzugehen, bringt überhaupt nichts. Es verpestet nur die Atmosphäre in meiner Umwelt. Letztlich ist es geistige und geistliche Luftverschmutzung. Meckern ist, so betrachtet, auch nicht wirkliche Kritik, sondern eher das nutzlose Gegenteil. Hier hilft mir dieses Band ab und an selbstkritisch darüber nachzudenken, ob denn mein Gemecker meinen Kindern oder anderen Menschen gegenüber wirklich sinnvoll ist. Auch bei anderen Themen: Ob es die Flüchtlinge sind, die zurzeit nach Deutschland strömen oder mir unliebsame Baumaßnahmen vor Ort etc. Es bringt letztlich überhaupt nichts, nur zu meckern, aber nichts verändern zu wollen.
Natürlich liegt vieles im Argen, aber da hilft kein Meckern und Motzen. Was hilft, das ist segensreiches Prüfen, Anpacken, Gestalten und Verändern. Das, was in meiner Macht liegt einzubringen. Dazu so „meinen Segen geben.“

Im aaronitischen Segen, der meist am Ende eines Gottesdienstes zugesprochen wird, heißt es: „Der HERR segne dich und behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.“ Auch wenn ich nur wenig von einem Gottesdienst mitbekommen haben sollte, auf dieses Wort warte ich gespannt. Das möchte ich gesagt bekommen. Dieser Blick Gottes auf mein Tun und Planen tut mir gut, selbst wenn es auch ein kritischer wäre. Er ist eine meckerfreie Kritik die mich voranbringt, ein gnädiger Blick, der auch manches Scheitern nicht gleich verurteilt. Sein Angesicht kann in mir oder über mir leuchten, weil seine Güte nicht an meinem Erfolg hängt, sondern an meiner Absicht, etwas zum Besseren hin verändern zu wollen. Dieser Segen, dieser wohlmeinend kritische Blick Gottes, befreit mich dazu, wieder froh in meinen Alltag zurückzukehren.

Burkhard Rink, Dornstadt, Bezirksmännerpfarrer Dekanat Ulm

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