Plötzlich eine Stunde Zeit. Was tun mit diesem Geschenk? 
Z. B. Nachdenken über die Zeit und wie wir sie erleben. Da kann man(n) in einer Stunde manches entdecken!

Die geschenkte Stunde

Es ist Sonntag, morgens um Acht. Wie fast jeden Sonntag will ich mit meinem Freund zum Schwimmen gehen. Heute ist er dran mit Fahren und so warte ich schon mal vor meiner Haustür, damit’s gleich losgehen kann, wenn er kommt.

2 Minuten nach 8 … 4 Minuten nach 8… schließlich 5 Minuten nach 8 – aber kein Schwimmfreund zu sehen. Seltsam, denke ich, er ist doch sonst immer pünktlich. Oder hatten wir doch ausgemacht, dass ich ihn abhole, statt er mich? Etwas verunsichert gehe ich wieder in die Wohnung zurück, um ihn anzurufen. Er: „Na klar hole ich dich ab – aber hey du, es ist jetzt erst 7 Uhr – heute Nacht war doch Zeitumstellung“, sagt er. Hoppla, daran hatte ich nicht gedacht. „Dann kannst du ja noch eine Stunde etwas anderes machen“, ruft er mir noch zu, bevor wir auflegen.

Ja, schon. Aber was genau mache ich jetzt mit dieser geschenkten Stunde? Zuerst meldet sich der Pragmatiker in mir und ich tausche endlich die Patronen in meinem Drucker aus. Das wartet schon seit Tagen. Aber auch danach verbleiben immer noch 45 Minuten. Da rührt sich schließlich mein innerer Philosoph. Und ich beginne, darüber nachzugrübeln, wie verschieden ich Zeit erleben kann. Meist ist sie ja eher knapp bemessen, ein Ereignis folgt auf das nächste, Pausen sind eher selten und wenn, dann nur kurz. Wie sich wenig Zeit anfühlt, weiß ich also genau. Aber nun erlebe ich das Gegenteil: Zeit ist reichlich da und ich sehe mich mit ihr konfrontiert. Sie grinst mich förmllich an und mein auf gutes Timing gepoltes Leben kommt dadurch ganz aus dem Lot. Was tue ich, wenn nichts zu tun ist? Wer bin ich überhaupt, wenn ich nichts tue?

So grübelnd beginne ich schließlich diesen Blogbeitrag zu schreiben. Und plötzlich gehen die Minuten wieder wie im Flug vorbei. Gleich ist es 8 Uhr – dieses mal wirklich! Und mein Schwimmkamerad steht bereits vor der Tür. Also rasch das Notebook zuklappen. Und ab ins Hallenbad: Schwimm-Zeit!

Nachtrag: Nach dem Schwimmen und einem gemütlichen Frühstück will ich diesen Blogtext vollenden. Erst dabei wird mir die Symbolkraft der morgendlichen Zeit-Erfahrung bewusst: Im kommenden Jahr gehe ich in den Ruhestand. Da wird dann plötzlich deutlich mehr Zeit verfügbar sein für mich. Da wird es viele geschenkte Stunden geben. Wie werde ich damit umgehen? Vielleicht sollte ich schon jetzt damit beginnen, die Taktzahl herunter zu drehen, längere Pausen einzubauen und einfach mal nichts zu tun (außer vielleicht zu „Philosophieren“). Warum? Damit der Rentenbeginn nicht noch zum Zeit-Schock wird!

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