„Du bist da, aber nicht hier!“

Unsere Kinder gedeihen fröhlich und machen uns eine große Freude und bringen uns mal zum Staunen, mal zum Lachen.
Unser Großer sitzt in der Badewanne. Lange Zeit ist er alleine. Plötzlicher höre ich einen Ruf aus dem Bad: „Kommt bitte jemand!“ Ich eile: „Was ist los?“ Er: „Jemand soll mir einen Kuss geben!“ Ich küsse ihn. Er bedankt sich und nennt mir den Grund. „Ich bin hier so alleine und wollte, dass jemand kommt.“ Ich: „Wir sind doch da!“ Er: „Ja, aber nicht hier!“
Ich bin gerne Vater. Ich mag meine drei Kinder. Nur: viel zu selten haben wir miteinander Qualitätszeiten. Ich bin da – aber nicht hier. Es gibt ja so viel anders zu tun…
Ostern ist für Pfarrer Hochsaison. So war es auch in diesem Jahr. Dazu kamen ausgerechnet um die Ostertage überdurchschnittlich viele Beerdigungen. Dann war der erste Urlaubstag. Wäre jetzt nicht endlich Zeit, den Rasen zu mähen, die Hecken zu schneiden, die Werkstatt und die Bühne aufzuräumen – eben das zu tun, was in den Wochen davor liegengeblieben ist? Mir kommen die Worte in den Sinn: „Papa, du bist da, aber nicht hier!“ Ich werfe meine Pläne über den Haufen. Ich hole die Matratze vom Dachboden, lege sie ins Auto, dazu den Campingkocher, das Nutellaglas, etwas Brot, Nudeln und eine Frisbee-Scheibe. Mehr braucht es nicht. Mit meinen beiden Großen (drei und sechs Jahre) fahre ich in den Nachbarort auf den Campingplatz. Wir machen einen Männerausflug und verbringen 24 Stunden gemeinsam. Ich bin da und ich bin hier. Alle drei sind wir begeistert als wir wieder nach Hause kommen – sogar meine Frau. So erholt sei ich schon lange nicht mehr gewesen. Wie wenig es doch manchmal braucht, um glücklich zu sein und Kinder glücklich zu machen. Wie wenig, um viel zu erreichen.
Ist das nicht auch in meinem Glauben so? Jesus fordert von mir keine Heldentaten. Es geht ihm auch nicht darum, dass ich für ihn, für den Fall der Fälle, erreichbar bin. Ich will „hier sein“. Für ihn. Bei ihm. In ihm.
1. Mose 17,1: „Wandle vor mir und sei ganz.“

Sebastian Schmauder, Pfarrer in Lichtenstein und nebenamtlicher Bezirksmännerpfarrer im Dekanat Reutlingen

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Ein Kommentar zu „Du bist da, aber nicht hier!“

  1. Avatar
    Sohn, Single und Erzieher 3. August 2019 um 13:19 #

    Ich bin Anfang 40, leider immer noch Single, habe also keine eigenen Kinder und keine Frau, obwohl es mein sehnlichster Wunsch ist. Aber ich bin Erzieher bei 3 bis 6 Jährigen und ich war selber mal Kind eines Vaters, mit dem solche Qualitäts-Zeiten an einer Hand abzählen waren. Vielleicht deshalb treibt mir dieser Artikel Tränen in die Augen. Vielen herzlichen Dank, dass sie ihre Erfahrung mit uns geteilt haben. Mögen doch noch viele Väter erkennen, wie wichtig solche Zeit mit ihren Kindern sind für beide Seiten.

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