Kanal oder Schale? Strömen und Sammeln? Alles zu seiner Zeit rät der Heilige Bernhard von Clairvaux in seinem Brief an einen erschöpften Mitbruder

„Erweise dich als Schale, nicht als Kanal…“

Gut mit sich selbst umgehen

Sieben Männer und ein alter Text. Das war die Ausgangslage bei einem Männer-Wochenendseminar in Löwenstein. Der Text waren Zeilen, die der Hl. Bernhard von Clairvaux im 12. Jahrhundert an einen Mitbruder schrieb:

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale, nicht als Kanal,

der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist…“.

Offenbar stand dieser Mann, dem die Zeilen galten, kurz vor einem – wie wir heute sagen würden – Burnout. Und der Zisterziensermönch Bernhard ermahnt ihn deshalb:

„Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch, freigiebiger als Gott zu sein“.

Unsere persönlichen Fragen dazu: Sind wir Männer womöglich von Natur aus eher „Kanal-Typen“? Immer unter Strom, rastlos im Machen, Streben und Geben? Typen, die allenfalls erst bei totaler Erschöpfung zur Besinnung kommen? Die meisten Mitmänner bestätigten: Ein natürliches Gefühl dafür, wie sich ein „Schale-Dasein“ anfühlt, wie das Sammeln und zur Ruhe kommen gelingen kann, muss ich mir immer wieder neu erarbeiten.Das ist mir verloren gegangen, fremd oder kommt mir gar „weiblich“ vor. Und doch scheint genau das für uns Männer von heute ebenso wichtig zu sein, wie dem erschöpften Mönch von fast 1000 Jahren.

Ein Blick in die chinesische Philosophie des Daoismus erweiterte unseren Horizont: Kanal und Schale sind polare Begriffe, die sich aber nicht ausschließen. Wie die Begriffe Yin und Yang. Es geht nicht um „entweder-oder“, sondern um ein „sowohl-als-auch“: Das eine ist schon im anderen angelegt und ein ständiger Wandlungsprozess sorgt für den gesunden Ausgleich. Im Bild vom Kanal ist also das Bild von der Schale bereits enthalten – und umgekehrt. Eines entwickelt sich im natürlichen Rhythmus aus dem anderen – immer wieder neu. Für uns hieß das: Ja, es gibt „Kanal-Zeiten“ (und das ist gut und „männlich“ so). Aber der natürliche Lauf ist dann, dass sich daran „Schale-Zeiten“ anschließen können. Zeiten des Gebens folgen Zeiten der Hingabe. Nur so bleiben wir in Balance. An anderer Stelle schreibt der Mystiker:

„Die Schale ahmt die Quelle nach…(und) …schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein, als die Quelle“.

Wir haben uns hier gefragt: Wo liegt vielleicht unsere Scham? Mancher Mann, der gesundheitlich angeschlagen ist, der seine Arbeit verloren hat, der nicht so viel verdient, schämt sich. Er schämt sich, weil er dem Tempo unserer Zeit nicht gewachsen ist, weil er nicht die beeindruckende Karriere vorzuweisen hat oder nicht mit dem Konsumverhalten anderer mithalten kann. Der Bernhard-Text hat uns ermutigt, zu uns zu stehen und unseren Selbstwert nicht an diesen äußeren Dingen festzumachen. Die Pflege der inneren Werte ist das, was immer wieder die Schale auffüllt, was uns und andere nährt.

 „Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich schlecht mit dir umgehst, wem bist du dann gut?“,

sagt Bernhard von Clairvaux am Textende. Wie gehen wir so mit uns um? Darüber haben wir uns intensiv ausgetauscht. Und beim Abschiedsritual füllte jeder Mann für einen anderen eine Karte aus. Er ergänzte dabei den Satz: „Aus meiner Fülle gebe ich dir….“. Berührend war es, so voneinander reichlich beschenkt in den Alltag zurück zu kehren. Danke Männer!

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Ein Kommentar zu „Erweise dich als Schale, nicht als Kanal…“

  1. Joachim Kämpf 19. Juli 2015 um 11:05 #

    Danke Hans,

    für die Begleitung am Wochenende, für diese wunderbare Erinnerung an das Wesentliche. Danke den Männern, die dabei gewesen sind.

    Wir danken einander
    Joachim

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