Fastenzeit? Fastenzeit!

Mancher von Euch hat sich vermutlich – genauso wie ich – auch dieses Jahr wieder Gedanken gemacht, wie er die Fastenzeit gestaltet. Alkohol weglassen vielleicht, oder auf Süßes oder Kaffee verzichten. Manche haben „Klimafasten“ geplant, also Fleisch weglassen, Auto stehen lassen, auf Verpackungen verzichten etc.

Und jetzt zwingt uns die Corona-Epidemie zu ganz anderen Dingen:

Veranstaltungen, an denen ich gerne teilgenommen hätte, fallen bis auf Weiteres aus.

Größere Feste und Partys – auch ganz privater und familiärer Natur – sollten wir erst mal bleiben lassen.

Der geplante Urlaub am Garda-See steht in den Sternen.

Manche Sachen des täglichen Bedarfs stehen mir nicht uneingeschränkt zur Verfügung, wie ich es gewohnt bin.

Beruflich läuft es auch nicht mehr, wie gewohnt. Aufgeregtheit und Hektik greift um sich.
Den einen bricht die Arbeit und das Einkommen weg, und über andere bricht Arbeit, weit über die Belastungsgrenze herein.

Schulen und Kitas schließen und unsere Kinder bzw. Enkel sind zuhause.

Bäder, Museen, Fußballspiele, Theater, Konzerte, und andere Orte, die wir in der Freizeit gerne besuchen bleiben auf unabsehbare Zeit geschlossen.

Auch der Skat mit Freunden oder meine Männergruppe steht in Frage.

Und noch ganz anders sieht es aus, wenn man wegen Corona-Verdacht oder Infektion für Wochen in Quarantäne muss. Oder schwer krank wird.

 

Fasten bedeutet traditionell, dass ich Gewohntes unterbreche, auf Liebgewonnenes verzichte, selbstverständlich gewordenes für eine Zeit lang loslasse und kritisch hinterfrage. In der Regel mache ich das freiwillig. Wobei die christliche Fastenzeit in Frühjahr durchaus auch etwas mit zuende gehenden Vorräten und Lebensmittelknappheit in dieser Jahreszeit zu tun hatte.

Dieses Jahr passieren Dinge, die ich nicht in der Hand habe. Eine Krankheit breitet sich aus, die wir noch wenig kennen. Um den Schaden zu begrenzen werden Entscheidungen von demokratisch gewählten Mandatsträgern, die sich von Fachleuten beraten lassen, gefällt.
Vieles davon kann ich nachvollziehen. Manches davon erscheint mit unsinnig. Manches verstehe ich auch einfach nicht genau – trotz Sondersendungen und Talk-Runden. Und – weil wir eine Demokratie und nicht gleichgeschaltet sind – ist manches auch widersprüchlich. Und auch die Fachleute sind nicht einer Meinung.

Es ist klar, dass die nächsten Wochen und Monate noch einiges Unerwartete und Unbequeme mit sich bringen werden. Andererseits ist auch ziemlich klar: Verhungern werden wir nicht. Die Grundversorgung scheint erst mal gesichert. Zumindest solange nicht egoistische Zeitgenossen, Angsthasen und Idioten* hamstern, was sie kriegen können oder sogar öffentliche Einrichtungen beklauen.

Klar ist aber auch: Wer reich ist und ein finanzielles Polster hat, hat‘s besser. Manche werden ihre Stelle verlieren und manche Existenzen sind gefährdet. Auch ganze Unternehmen.

Fasten hat auch etwas mit der Frage nach sozialer Gerechtigkeit zu tun. Konkret: Dass wir uns um die kümmern, denen es schlecht geht.

Wer fastet, lässt los und gesteht sich und anderen ein: Ich habe nicht die Kontrolle über alles in meinem Leben. Vieles können wir nur miteinander, und durch ein wohlwollendes Zusammenspiel erwachsener Männer und Frauen bewältigen. Und keinesfalls durch Konkurrenz nach dem Prinzip „Survival oft he fittest“.

Und deshalb sehe ich die Fastenzeit mittlerweile so:
Sie ist eine unerwartete und ungewohnt strenge Lehrerin in Sachen Innehalten, Gelassenheit üben, Vertrauen (anstatt den Ängsten, die ich auch kenne, zu viel Raum zu geben), das Gemeinwesen im Blick behalten, Verzichten, Langsamer tun, Auf-andere-hören/-achten, Leere aushalten und Stille zulassen, Entwicklungen abwarten, Tun, was not-wendig ist, und mich um die kümmern, die meine Hilfe und Unterstützung jetzt brauchen.

Nichts für Egoisten – aber in jedem Fall eine Übung für „den Krieger“ in mir.

 

Tilman Kugler

 

*) siehe Wikipedia:
Das Wort leitet sich vom griechischen ἰδιώτης (idiotes) her, das in etwa „Privatperson“ bedeutet. Es bezeichnete … Personen, die sich aus öffentlichen-politischen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter wahrnahmen, auch wenn ihnen das möglich war.

 

 

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