„Folge der Gänsehaut, nicht der Bügelfalte!“

Ich weiß nicht mehr genau, wo mir vor kurzem dieser Spruch begegnet ist. Ich erinnere mich noch daran, dass er mich emotional sofort angesprochen hat und dies bis heute tut. Ich dachte: Wohw, genau das ist es, was meine Männlichkeit herausfordert und gleichzeitig beschreibt. Eine Art Sehnsucht brach in mir auf. Genau das wäre es doch. Mit „Gänsehaut“ asoziiere ich Spannung, Nervenkitzel, Wagnis, Freiheit in der eigenen Lebensgestaltung. Wo diese „Gänsehaut“ zu finden ist, muss man selber heraus finden. Aber schon dies könnte spannend sein. Die weltweiten Reiseprospekte sind ja voll davon. Und dann erst der Aufbruch dort hin. Es muss ja nicht gleich Australien im Outback sein. Es reichen ja auch schon die „Swabian Highlands“ bei Nacht, alleine oder zu zweit, die Falkensteiner Höhle, eine mutige „Hilfsaktion“ für andere etc.
„Bügelfalte“ hingegen steht für Ordnung, steht für Zivilisation, den normalen (Berufs)Alltag, das sich anpassen an den geforderten Dresscode bzw. die Normen von außen, die ich erfüllen muss. Vielleicht tue ich der „Bügelfalte“ damit etwas einseitig Unrecht, denn sie bewirkt u. U. bei vielen teuren Anzügen in Männern ebenfalls Nervenkitzel und Spannung – je nach Gehaltsklasse und Verhandlungsgegenüber. Aber gemeint ist es in diesem Spruch sicher anders.

„Folge der Gänsehaut, nicht der Bügelfalte!“ Das haben sich die 4 Männer aus dem Raum Biberach im Alter von 28 bis 57 Jahren vielleicht auch gedacht, als sie sich Anfangs der Woche aufmachten -bestens ski- und lawinentechnisch ausgerüstet – um bei vielem Schnee trotz eindeutiger Lawinenwarnungen und Streckensperrung, den sehr steilen und höchst anspruchsvollen Skihang, dem Langen Zug bei Lech, gemeinsam ab zu fahren. Jetzt sind alle 4 tot. Was für eine Tragik für sie und die hinterblieben Familien und Kinder (das vermute ich bei Männer in diesem Alter). Wie leichtsinnig, wie wahnsinnig, wie unfassbar auch für mich als Zeitgenosse und selber Ski- und Snowboardfahrer.
War es diese „Gänsehaut“: Wir schaffen es, der Natur zu trotzen und darin zu bestehen, wie viele Entdeckermänner der vergangenen Jahrhunderte auf den Meeren, im ewigen Eis, auf höchsten Bergen, die teilweise auch mit ihrem Leben dafür bezahlt haben? War es die falsche Selbsteinschätzung: Wir sind gute und bergerfahrene Alpenskifahrer? Dort, vor Ort, war vielleicht der innere Adrenalinspiegel schon zu hoch angestiegen. War es ein spontaner Entschluss dort am Hang, den vielleicht gar nicht alle teilten, dem sich dann aber, um nicht abseits zu stehen, alle gebeugt haben? War es die doch nicht vorhandene Kenntnis der realen Gefahr bei solch einer Wetterlage? Und wer, wenn er aufgebrochen ist die „Gänsehaut“ zu suchen, lässt sich von einem staatlich aufgestellten Verbotsschild schon abhalten?  Dies kennen vermutlich alle aus ihrem eigenen Männerleben. Dies wäre ja „Bügelfalte“ und nicht „Gänsehaut“.

Nein, so geht es nicht gut in einem Männerleben. „Höhere Gewalt“ ist absolut zu respektieren, deshalb heißt sie so. Eine kurzzeitige Gänsehaut und dann tot, das will und braucht keiner. Hätte man es ihnen vorher prophezeit, keiner der vier wäre aufgebrochen, da bin ich mir sicher. Mann muss seine Chancen real einschätzen und bei manchen Vorhaben einen Unsicherheitsfaktor abziehen und einen Sicherheitsfaktor dazuzählen. Das eigene Leben leichtsinning auf Spiel setzen ist nicht der Weg, den Gott und der Glaube uns weist. Sorgsam damit um zu gehen – für uns und für meine Nächsten – schon. Dafür haben wir die Kraft der Verantwortlichkeit erhalten. Manchmal muss man umkehren – um das Leben zu gewinnen. Christen kennen dies. Für das eigene, innere Leben steht dafür der Begriff Buße.
Jetzt geht Gott hoffentlich sorgsam mit ihnen um. Zugegeben: Ein schwacher Trost für die Hinterbliebenen. Mein aufrichtiges Beileid als Mann.

 

Wie gefällt Ihnen dieser Beitrag?

  • Sehr gut (7)
  • Gut (5)
  • Geht so (3)
  • Gar nicht (0)

, , , ,

Noch keine Kommentare.

Schreibe einen Kommentar