Großes Glück

Noch heute, viele Jahre später, treibt es meinen Puls in die Höhe, wenn ich daran denke, wie viel Glück wir damals gehabt haben. Glück und einfach Dusel? Instinkt? Oder war es ER, der verhindert hat, dass wir in unbekanntem Gewässer an einem Felsen zerschellen?

Wir waren zu dritt, der Skipper Steve, seine Freundin Karen und ich. Auf einer 13m Sloop, einer Segeljacht, die auf dem Bodensee nicht auffallen würde. Aber wir waren auf dem Meer unterwegs, zwischen Atlantik und Karibik. Fast eine Woche hatten wir im Windschatten eines nur von Vögeln bewohnten Felsens südlich der Turks-Inseln darauf gewartet, dass der tropische Sturm vorüber zieht. tte.Nun konnten wir nicht länger bleiben. Das Schlimmste war vorbei und wir beschlossen, den Törn nach Puerto Plata 130 SM südöstlich zu wagen. Der Wind blies immer noch kräftig, die Wellen meist um die drei bis vier Meter, oft aer auch das Doppelte. Das Problem war, dass wir gegen ihre steile Seite mussten, hart am Wind. Die Gischt schlug uns ins Gesicht, immer wieder krachten Brecher über das Cockpit. Irgendwoher drang zusätzliches Wasser ein und wir mussten die elektrische Bilgenpumpe mit einer großen Handpumpe unterstützen. Jede große Welle schob uns weg vom Ziel, brachte die Segel zum Flattern. Um den Kurs wenigsten einigermaßen zu halten, nahmen wir daher den Motor zu Hilfe. Trotzdem waren wir weiter ein Spielball der Naturgewalten und saßen bald nur noch zusammengekauert im Cockpit, immer auf der Hut vor dem nächsten Brecher.

Wir wechselten uns an der Pumpe und am Ruder ab und am Nachmittag kroch ich in meine Koje, ein tunnelförmiges Lager unterm Cockpit, aus dem man nicht heraus rollen kann. Ich versuchte zu schlafen, um für die Nachtwache fit zu sein. Das Plätschern des Wassers in der Kajüte erzeugte eine Endzeitstimmung und das Essen auf dem Herd blieb unberührt. Die Aufhängung des Herdes an Scharnieren und ein kleines Geländer hielten den Topf auch bei 45 Grad und mehr Schräglage zum Glück auf der Kochstelle. Trotzdem war der Boden übersät mit allem möglichen Kleinzeug, was nicht festgezurrt war, aber wir hatten keine Kraft, aufzuräumen.

Vier Uhr morgens, das Ruder haben wir an den Autopiloten gehängt, der den Kurs halten soll. Nachtwache. Seit einer Stunde sitze ich oben, schaue regelmäßig nach Lichtern, checke Kurs und Segel. Dann beginnen die Wellen sich zu legen, der Wind scheint nachzulassen. Ich müsste misstrauisch sein, aber Erschöpfung machte sich breit und ich beginne weg zu dösen. Aber plötzlich werde ich wieder hellwach. Irgendwas stimmt hier doch nicht?! Ich schaue ich um. Es ist stockdunkel. Kein Licht weit und breit. Doch dann starre ich auf die Umrisse von Bergen unter dem klaren Sternenhimmel! Panisch springe ich auf, schaue auf den Kompass, reiße das Ruder an mich und steuere 180 Grad in die Gegenrichtung. Sofort flattern die Segel, der Baum kracht hin und her, das Boot schaukelt in alle Richtungen und weckt auch Steve. Zum Glück läuft der Motor und hilft, wieder genau in die Richtung zu fahren, aus der wir gekommen sind. Ich schalte das Echolot ein: 5, 8, 10 Meter … Es war also kein Spuk, die Küste muss verdammt nahe sein. Aber wo sind Lichter? Kein Haus, kein Leuchtfeuer, einfach nichts! Wo zum Teufel sind wir? Wir folgen dem Gegenkurs, bis das Echolot nichts mehr anzeigt und steuern dann wieder nach Osten, kreuzen wieder so gut es geht gegen die Wellen. Als es dämmert ist die Küste immer noch in der Nähe. Es sind die steilen, waldbewachsenen Berge der Insel Hispaniola, nur so viel ist sicher. Aber wo sind wir genau? Es gibt rein gar nichts, was uns bei der Navigation helfen könnte.

Irgendwann am Vormittag sehen wir ein großes Passagierschiff am Horizont, das wir per Funk erreichen können. Wegen des hohen Seegangs kann die Besatzung uns weder sehen noch orten, gibt uns aber ihren eigenen Standort. Das reicht uns, um herauszufinden, dass uns Wind und Wellen weit nach Westen abgetrieben hatten und unser Törn dadurch an der Küste Haitis beinahe ein tragisches Ende genommen hätte.

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Ein Kommentar zu Großes Glück

  1. E.Lempp 3. Juli 2015 um 18:43 #

    spannend!

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