Andreas Schuchert

Haare, Barte, Seele…

Heute brauche ich ein wenig Anlauf. Laufe vor dem Schaufenster unentschlossen hin und her. Versuche einen verstohlenen Blick ins Geschäft zu werfen. Passt mir das heute, will ich da wirklich hinein? Gebe mir einen inneren Ruck, gehe zwei Stufen nach oben und öffne die Eingangstüre. Beide Meister des Fachs sind bei der Arbeit. Sie erzählen mit den Kunden, die vor großen Spiegeln sitzen. Letzte Handgriffe mit der Schere im Anschlag und dem Kamm in der anderen Hand. Ein Mann wartet noch vor mir. Da werde ich auch schon freundlich begrüßt mit dem Hinweis, dass ich in kürzester Zeit drankommen werde. Jetzt kann ich noch ein wenig den Laden mustern: Drei große, bequeme dunkelbraune Ledersessel vor riesigen Spiegeln. Nehme Platz auf einem der beiden braunen Ledersofas im Wartebereich des großen Raumes. Als Tisch steht eine alte Truhe dazwischen. Frische Nelken in einer Glasvase. Neben dem Eingang eine Garderobe. Ein Tresen auf dem eine Schale mit Obst steht und ein Espressoautomat. So sieht als ein Frisör-Männerraum aus, denke ich mir.

Der erste Kunde ist jetzt fertig. Geschniegelt und gebügelt. Sauberer Haarschnitt. Er wechselt mit dem Frisör einige Worte, während sie zum Tresen an die Kasse gehen. Bezahlen, Händedruck, Umarmung. Umarmung? Kann es kaum glauben. Das habe ich nicht erwartet. Sieht so aus, als ob Mann sich gut kennt?! Bin verblüfft. Kurz darauf ist der zweite Mann fertig. Ebenfalls wie aus dem Ei gepellt. Jetzt bin ich aber gespannt was nun passiert. Genau dieselbe Zeremonie wie beim ersten Kunden. Herzliche Umarmung zum Schluss. Sitze staunend auf dem Sofa. Dann bin ich an der Reihe. Sortiere meinen Frisör in meine Altersgruppe ein. Wir kennen uns nicht und so fragt er nach woher ich komme und wo ich wohne. Es sind offene Fragen. Ich antworte, während mein Gesicht unter einem warmen Tuch zum Rasieren vorbereitet wird.

Wir kommen vom gegenseitigen Fragen ins Erzählen. Familie, Kinder, Beruf, Leben. Und dann sind wir sehr schnell bei den Brüchen im Leben. Bei den Krisen, den Übergängen und dem Älterwerden. Immer wieder neu anfangen, mit Mut und Kampfgeist. Nicht aufgeben… Eine warme Atmosphäre, denke ich. Fühle mich verstanden. Wir Männer wissen wovon wir reden und das tut mir gut. Das tut uns allen gut. Leben teilen, mitteilen. Vielleicht geht das manchmal mit Fremden besser als mit Freunden. So ein Männer-Frisör hat was, finde ich. Mit ein wenig gegenseitiger Offenheit können auf diese Weise neue Räume entstehen. Geschützte Räume für Männer? Was für eine interessante Möglichkeit. Nicht nur für Haare und Bart, sondern auch für die Seele.

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Ein Kommentar zu Haare, Barte, Seele…

  1. Ulrich Thierhoff 6. November 2018 um 10:06 #

    Offen miteinander reden. Gefühle mitteilen. Sich verstanden fühlen: Das geht tatsächlich manchmal mit Fremden besser als mit nahen Freunden!
    Deshalb sollten wir Männer uns aber nicht schämen. Sondern die sich dabei öffnenden Räume nutzen.
    Herzliche Grüße Ulrich Thierhoff

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