„Herzenssache“ – Predigen im Bierzelt, geht denn das ?

Ich komm‘ gleich  auf’s Thema, aber gestatten Sie einen ganz kleinen Umweg. Ich  lade Sie zu einer  kurzen Stippvisite nach Frankfurt am Main ein, der Stadt meiner Kindheit. Es hat Gründe, dass Frankfurt heute zutreffender „Mainhatten“ genannt wird. Keine Sorge, spätestens nach ein paar Zeilen sind wir wieder in Stuttgart.

Ich wurde mit „Frankforderisch“, mit Worten großgezogen wie: „Aache … babbele … Bembel … Bobbes … Deiwel … Dippe … Dutt … Ebbel … Essigmick … Flaaschworschd … Fraa … Gadde … Griffel … hibbe … Hinkel … klumbatsch … Kligger … Labbe … lunse … Maa … Moomendemaa … Nachtkapp … naggisch … petze … plärre … Quetschkommod … Rabbeldippche … ruffzuus … Schodder … Simbel … Tranfunzel … Uffschnitt … Urrumbel … veräbbeln … vergliggern … Weldchesdach … Werschtche … Zuggerschneggche … Zwiwwelkerche…“ Alles klar ?

Sprachlich von der Heimat derart ausgestattet, fand ich es selbst mutig, dass ich mich in eine Lesung des schwäbischen Mundart-Pfarrers Manfred Mergel hinein begeben habe (aus seinem Büchlein „Herzenssache“). Ich dachte: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Und, wenn du nichts verstehst, kannst du dich gleich wieder durch die Seitentür  aus dem Staub machen.“ Aber neugierig war ich schon , wie denn jemand im Bierzelt auf dem Cannstatter Volksfest predigt. „Den schwäbischa Gottesdienscht auf’m Wasa feira mr im Nama Gottes – im Nama von onserm dreieiniga Gott.Amen…“ Das fand ich als Frankforder-Hess‘ nun gar nicht mal so schwer, der Autor hatte mich gewonnen, ich blieb den ganzen Abend. Am Ende war ich so begeistert, dass ich das Büchlein als Hochzeitgeschenk für meine Tochter kaufte. Und dir lieber Leser möchte ich  ans Herz legen, zumindest mal Reinzuschnuppern. Es ist eine wahre Freude für Herz & Hirn. „…Der Mensch spricht aus dem Herzen, wenn er in seiner Mundart spricht. Seine Worte gehen zu Herzen…“, so Manfred Mergel im Vorwort zu einem früheren Mundart-Büchlein von ihm („Der gewölbte Himmel“ ). Den beiden Sätzen darf ich mich anschließen, möchte aber ergänzen, dass er sehr wohl auch auf den Verstand zielt, dafür verwendet er sogar viel „Hirnschmalz“. Denn natürlich bedarf es des Verstandes, wenn man Menschen am späten Vormittag im Bierzelt die Herzen erreichen will, rasch, bevor Kehle und Bauch die Regie übernehmen. Bevor das Maß Bier und das halbe Göckele am Tisch auftaucht und alle Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Sein Gedicht „Geheimnis“ macht die theologische Ausrichtung Mergels gut deutlich, deshalb soll es hier zitiert werden – auch um auf den Geschmack zu kommen:

Geheimnis.
Du / horch amol her. / ich muss dir ebbes saga. / Aber sag s fei niemand / was e dr sag. / S isch mei geheimnis.
Also / i glaub / dr liebe gott isch / anders wie du denkst / er isch / wie soll e saga / er isch ganz gwiß / a lieber gott.
Aber gell / s bleibt onter ons

(2008)

Manfred Mergel
Herzenssache
Predigen auf dem Cannstatter Volksfest
Reihe: Dialekt und Religion / Religion und Dialekt
Bd. 5, 2015, 144 S., 14.90 EUR, 14.90 CHF, br., ISBN 978-3-643-12884-3

Und für diejenigen, die die Frankforder-Worträtsel für sich auflösen möchten:
http://frankfurt-interaktiv.de/frankfurt/mundart/sprachfuehrer/e_f.html

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