Das Tagebuch meines Großvaters von 1946. Es wieder zu lesen, hilft mir, mich mit den Flüchtlingen von heute zu solidarisieren. Denn ich bin selbst ein Kind von Flüchtlingen!

Ich bin ein Kind von Flüchtlingen

…auf jedem Bahnhof sind noch Flüchtlinge zugestiegen. Es war schrecklich, zuzusehen, wie Frauen und Kinder händeringend baten, mitgenommen zu werden. Und man musste schon aus Stein sein, wenn nicht immer wieder Platz geschaffen wurde, um die Ärmsten mitzunehmen.

Dies sind keine aktuellen Zeilen. Mein Großvater hat sie vor gut 70 Jahren geschrieben – in seinem Tagebuch von der Flucht aus Ostpreußen im kalten Januar 1945. Diese Notizen kommen mir in den Sinn, wenn ich heute in den Medien die Berichte sehe von den tausenden Flüchtlingen, die derzeit versuchen, nach Deutschland zu gelangen. Bei dem, was da gerade passiert, komme ich ganz unmittelbar mit etwas in Kontakt, was ich offenbar Jahrzehnte gut in mir verschlossen hielt: Ich bin ein Kind von Flüchtlingen! Meine Mutter floh mit ihren Eltern abenteuerlich aus der ostpreußischen Heimat nach Braunschweig. Mein Vater schlug sich vier Jahre später nach russischer Gefangenschaft ebenfalls dahin durch, ohne je „sein“ Ostpreußen wiedergesehen zu haben. Das alles spielte sich nur acht Jahre vor meiner Geburt ab. Und prägte die betroffenen Menschen ihr Leben lang.

Aus Erzählungen, Briefen und – wie gesagt – aus Tagebüchern kenne ich also das Thema Flucht und Vertreibung sehr gut. Ich weiß um die Sorgen, die sich meine Vorfahren machten, wenn sie sich in den Kriegswirren verloren hatten, weiß vom täglichen Kampf ums Überleben, von harten Wintern, von Hunger und dem Köfferchen mit den wenigen Habseligkeiten, die noch geblieben waren. All dies scheint in mir gespeichert, eingebrannt zu sein, obwohl ich gar nicht dabei war. Und es kommt nun hoch, angesichts des Flüchtlingsdramas, das wir in diesen Tagen erleben.

Weil dieses hochkommt, werde ich sensibel im Wahrnehmen des aktuellen Geschehens und solidarisch mit den Flüchtlingen von heute. Das kriegszerstörte Deutschland musste damals, unter viel schwierigeren Umständen mit Millionen Neuankömmlingen aus den Ostgebieten zurecht kommen – mit Menschen, die nichts, als ihr Leben gerettet hatten. Unterkünfte, Nahrung, Möbel, Hausrat, Kleidung und Arbeit mussten täglich neu in meist privater Initiative organisiert werden. Und: Es ist damals gelungen! Mein Opa schreibt auch vom Teilen, von Freundlichkeiten und von gegenseitiger Hilfe. Obwohl die Gastgeber selbst nur wenig hatten oder in zerbombten Ruinen lebten.

Vor diesem persönlichen Hintergrund habe ich kein Verständnis für alle dreisten und dumpfen Parolen von Rechts (und leider auch aus der bürgerlichen Mitte). Wir dürfen uns angesichts von menschlicher Not nicht abschotten – weder an unseren Landesgrenzen noch an unseren „Seelen-Türen“. Ja,auch bei mir kommt ab und zu die Ohnmacht hoch. Ja, auch ich würde manchmal lieber wegsehen, angesichts der Größe des Dramas und der gesellschaftlichen Herausforderungen. Was mich aber wieder in eine solidarische Haltung zurück bringt, sind ganz einfache Überlegungen: Wäre ich überhaupt geboren worden? Und wo lebte ich heute, wenn nicht damals meine Großeltern und Eltern die Flucht gewagt hätten? Ja, was wäre geschehen, wenn vor 70 Jahren nicht mutige Menschen in der „neuen Heimat“ ihre Türen und ihre Herzen geöffnet hätten, und die Meinen freundlich aufgenommen hätten?

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Ein Kommentar zu Ich bin ein Kind von Flüchtlingen

  1. Gerhard Beck 9. September 2015 um 9:21 #

    Sehr wahr! Auch meine Großeltern waren auf der Flucht…

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