Maurische Baukunst in der Alhambra - ein Zeichen für die innere Schönheit und innere Werte.

Innere Werte vs. äußerer Schein

Reisen kann zum Segen werden. Doch mindestens bildet es – meist nicht nur den Verstand. Wissensvermittlung und Herzensbildung gleichermaßen erlebte ich vor einigen Tagen in der berühmten Alhambra, dem Juwel maurischer Baukunst im spanischen Granada. Die Paläste der einstigen Königsstadt der Nasriden entstanden im 13./14 Jahrhundert. Millionen Menschen besuchen sie täglich und ohne straffe Organisation geht da nichts. Daher ist für Gruppen ein örtlicher Führer obligatorisch. Mit unserem hatten wir Glück. Er machte uns besonders auf den kulturellen Hintergrund der Bauwerke aufmerksam. Dies gelang ihm besonders in einem Vergleich der alten maurischen Gebäude mit dem ebenfalls auf der Anlage stehenden Renaissance-Palast Karls des V. Dieser hatte nach erfolgreicher Reconquista im 16. Jahrhundert, also nach der sogenannten christlichen „Rückeroberung“ der Stadt nach einer fast 800-jährigen arabischen Zeit, große Teile der Alhambra platt gemacht, um ein demonstratives Zeichen christlicher Macht und Vorherrschaft zu setzen. Während nun die maurischen Paläste außen recht profan wirken, kommt der Palast Karls äußerlich prunkvoll, fast protzig daher. Schaut man sich beide Paläste aber von innen an, so verkehrt sich die Wirkung ins komplette Gegenteil: Im Inneren sind die orientalischen Bauten an fein-ziselierter Pracht kaum zu überbieten und strahlen den Glanz von „1000 und 1 Nacht“ aus. Der Habsburger Palast hingegen ist in seinem Inneren sehr einfach ausgestaltet. Da ist es rasch vorbei mit Prunk und Protz.

Die Deutung liegt nahe, dass wir Menschen des christlichen Abendlandes tatsächlich auch heute noch mehr darauf konditioniert sind, äußerlich viel Eindruck zu machen – und „wie’s da drin aussieht, geht niemanden ‚was an…“. Der muslimische Mensch hingegen legt offenbar traditionell nicht so viel Wert auf den äußeren Schein, dafür sind ihm aber die inneren Werte, die meditative Betrachtung, das Genießen schlichter Schönheit ein ganz wesentlicher Aspekt seines Seins.

Wenn ich an manche berufliche Begegnung denke oder insgesamt unsere vom Marketing geprägte Welt kritisch betrachte, dann sehe ich da wirklich viel Schein und wenig Sein. Mir tat es darum gut, in der Alhambra den Impuls zu erhalten, dass unser kulturelles Gewordensein eine lange Geschichte hat und unseren Charakter prägt. Ich bin nicht nur Kind meiner Zeit, sondern auch Kind einer langen abendländischen Kultur mit Betonung der äußerer Dinge, wie Aussehen, Geld oder Besitz („hast du was, bist du was!“). Dieses Erbe kann ich nicht einfach abstreifen. Aber es muss mich nicht davon abhalten, in fremden Kulturen nach anderen Werten zu forschen und diese, so gut es geht, in mein Leben zu integrieren.

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