Ist das Männerfreundschaft?

„Das hat sich ja angehört, als ob ihr euch vor kurzem erst gesehen habt“, sagte mir meine Frau, nachdem ich fast eine halbe Stunde mit einem alten Freund telefoniert hatte. Tatsächlich ging das Telefonat in die USA zu einem Freund, den ich seit 25 Jahren nicht mehr gesprochen oder gesehen habe. Selbst Briefkontakte beschränken sich auf Weihnachtsgrüße und Geburtstagskarten. Und nun wollen wir ihn und seine Familie besuchen- einfach „mal so vorbeischauen.“ Kann das gut gehen, nach so langer Zeit?
Aber die Einladung steht, wir beginnen über die Reise nachzudenken. Vieles will geplant sein, man bewegt sich im hier und jetzt und versucht, die nahe Zukunft zu organisieren. Mit der Zeit schleichen sich längst verblasste Erinnerungen ein, werden präsent, sorgen für Gedankenstrudel und Schlaflosigkeit. Was hatten wir nicht alles zusammen erlebt,  beim gemeinsamen Arbeiten oder auf der Suche nach Abenteuern?

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Aber das ist lange her, das Leben geht/ging weiter. Familien werden gegründet, die Prioritäten verschieben sich, die Persönlichkeiten ändern sich. Ist da überhaupt Platz für eine alte Freundschaft? Und: Kann man es überhaupt noch Freundschaft nennen, wenn die gemeinsame Zeit so lange in der Vergangenheit liegt? Ich glaube ja. Ich erlebe es immer wieder. Wenn einmal eine gemeinsame Basis da gewesen ist benötigt es kein Aufwärmen, kein Beschnüffeln. Sofort ist man wieder beieinander, teilt Erinnerungen und tauscht Neuigkeiten aus.  Und man knüpft an, diskutiert die aktuelle Lage, beschäftigt sich mit der Gegenwart.

So auch hier. Wir kommen an, werden herzlich aufgenommen, auch die Frauen verstehen sich. Platz gibt es genug im Haus und es heißt „help yourself with the fridge“.  Selbstverständliches Vertrauen.

In den folgenden Tagen werden natürlich alte Erlebnisse hervorgekramt – immerhin glauben nun auch die Partnerinnen, dass nicht alles Seemannsgarn war, weil nun auch ein anderer die gleiche Geschichten erzählt. Danach werden aber auch andere Erfahrungen ausgetauscht: Die Sorgen mit den Kindern, der Ärger mit dem Gesundheitssystem in den USA und natürlich die Meinungen über den neuen Präsidenten. Plötzlich ist man mittendrin im Leben des anderen, diskutiert bis tief in die Nacht, sagt offen seine Meinung, reibt sich aneinander und lacht miteinander.
Und dann denke ich: das ist Männerfreundschaft.

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