Jetzt ist es so weit

Grab1-1Am 29. Februar wurde meine Mutter beerdigt, nach 87 Jahren Leben. An die Beerdigung meines Vaters erinnere ich mich nicht mehr so richtig. Sie ist leider schon 22 Jahre her. Verstorben sind sie am gleichen Tag, im gleichen Monat.
Wer wie meine Mutter 1929 geboren wurde, hat noch einmal einen ganz eigenen Blick auf die umwälzenden Veränderungen die in dieser Zeitspanne bis heute geschehen sind. Oft haben wir darüber geredet. Es waren in ihrem Leben viel krassere Erlebnisse, viel tief greifendere, als sie z. B. in meinem Leben bisher vorkamen. Armut, Krieg, nichts zu essen, große Angst, strenge Regeln und Konventionen, Neuanfang, aufblühender Wohlstand privat und gesellschaftlich, Währungen, Demokratie statt Demagogie, neue Rollenbilder usw. So vieles erlebt, erlitten, sich daran gefreut und Spaß gehabt.
Und jetzt? Jetzt ist es so weit. Alles musste sie los lassen auf ihrem letzten Wegabschnitt in dieser sichtbaren Welt. Diese vielen Erlebnisse, die Jahre, das Haus, das Vermögen, die Beziehungen, die Kinder, Enkel und Urenkel, die eigenen Fähigkeiten, die sich zum Schluss immer mehr reduzierten (im Pflegeheim) bis ganz aufhörten, essen und trinken. Jetzt ist es so weit, habe ich mir öfters gedacht, wenn ich an ihrem Bett saß. Zunächst und lange Zeit noch miteinander besprechbar, später nur noch beobachtbar, für sie fühlbar. Jetzt ist es so weit – und es gibt kein Zurück.
Ich habe meine Mutter in diesem 3/4 Jahr intensiv und gerne begleitet, Stunden und Tage mit ihr in ihrem Zimmer verbracht, sie hatte es wirklich verdient und es war ein Ausdruck von: Du sollst Vater und Mutter ehren. Es war eine gute Zeit für uns beide obwohl beiden bald klar war, wie sie enden wird. Als dann morgens um 5.30 Uhr der Anruf von ihrem Gegangensein kam, war es trotzdem überraschend und gefühlt elend endgültig: Jetzt ist es so weit. Schluss. Aus. Ende. Mein Glaube an die Auferstehung durch Gottes Hand war ihr und ist mir eine Hilfe, keine Frage. Aber dieses endgültige: Jetzt ist es so weit – ist sehr hart und innerlich lähmend. Ein endgültiger Abschied ins Grab hinein ist ein anderer, als ein Abschied im Bereich des Lebens. Ich werde mir diese Erfahrungen bewahren, als letzte tiefe Erinnerung meiner Beziehung zu meiner Mutter, als Vorausahnung im Blick auf mein eigenes Ende und als Lebenshaltung, dass das Loslassen können (müssen) wichtiger ist als das Haben können (müssen). Gott begleite meine Mutter auf ihrer Reise zu ihm.

Wie gefällt Ihnen dieser Beitrag?

  • Sehr gut (0)
  • Gut (0)
  • Geht so (0)
  • Gar nicht (0)

3 Kommentare zu Jetzt ist es so weit

  1. Ulf von Quillfeldt
    Ulf von Quillfeldt 9. März 2016 um 12:34 #

    Lieber Stephan,
    am Wochenende war ich kurz am Sterbebett der hochaltrigen Mutter einer guten Freudin. Mein nachhaltigster Eindruck: Aprikosenmus, von der Tochter ganz sachte auf den Lippensaum gebracht und die Lebensgeister der alten Dame wollen sich nochmals rühren….
    Heute gilt Dir mein besonderes mein Mitgefühl … von ganzem Herzen …
    Ulf

  2. Johannes Hruby 10. März 2016 um 11:11 #

    Lieber Stephan,

    meine Gedanken und meine Gebete sind bei dir. Ich wünsch dir viel Kraft in der Zeit des Abschiednehmens und der Trauer.
    Dir gilt mein tiefes Mitgefühl.

    Johannes

  3. Peter Gollasch
    Peter Gollasch 16. März 2016 um 11:08 #

    Danke für diesen offenen Beitrag, der mich sehr bewegt hat!
    Auch wir mußten zwei Tage vor Heiligabend unsere Mutter gehen lassen.
    Kein „Frohes Weihnachten“ aber die Feiertage gaben Zeit zur Besinnung und zum Abschied nehmen.
    Anders als nach dem Tode meines Vaters vor elf Jahren denke ich fast täglich an sie. Und daran, dass ich als Ältester nun der Nächste in unserer Familie sein werde….

Schreibe einen Kommentar