Josef: der schweigsame Macher

Markus-Herb„Josef aber gedachte sie heimlich zu verlassen“. Hut ab vor diesem Josef. Er erfährt von der Schwangerschaft seiner Verlobten und will sie heimlich verlassen, damit nicht schlecht über sie geredet wird, sondern über ihn: „Typisch Mann, erst schwängert er die Frau und dann macht er sich vom Acker.“ Es kommt anders. Josef träumt, ihm erscheint der Engel des Herrn, der ihn über die Besonderheit des Kindes aufklärt und ihm Anweisung gibt, wie er das Kind nennen soll: Jesus. Und wenig später erscheint ihm wieder der Engel und gibt ihm Anweisung, mit Frau und Kind zu fliehen. Nach den Träumen steht Josef jeweils auf und tut ohne Nachfrage, was ihm aufgetragen ist. Josef der Mann ohne Worte, der Treue, der Verlässliche, der, ohne den es kein Weihnachten gegeben hätte. Ich bewundere diesen Josef und seine Fähigkeit, sich zurückzunehmen, um ganz für den Auftrag da zu sein. Er erinnert mich an bestimmte Männer heute: korrekt, verlässlich, loyal, auftragsorientiert, umsichtig, pflichtbewusst. Ich glaube ohne diese Eigenschaften, gäbe es vieles Große, Schöne, Wertvolle in der Welt nicht. Aber zugleich möchte ich dem Josef auch zurufen: „Sag doch was! Überlass nicht der Maria das ganze Feld der Begeisterung und des Gefühls. Warum schweigst Du und lässt Dich auf die Rolle des Machers reduzieren? Wie geht es Dir mit der Nachricht, dass Dir ein Kind anvertraut wird, dass eigentlich nicht von Dir ist? Wie geht es Dir, dem Mann des Baus damit, dass Du in der Nacht Botschaften erhältst? Wie geht es Dir mit der Verantwortung für Frau und Kind? Und wie vor allem: Wie stehst Du zu dem Wunder, dass da Gott mitten in unserer Welt, ja ganz konkret in Deiner erscheint? Josef, sag doch was!
Wenn ich so mit Josef ins innerliche Gespräch komme, dann erinnert er mich an viele Männer heute, die das Feld der Gefühle, des Glaubens, des Ergriffenwerdens den Frauen überlassen. „Bruder Josef, komm, lass uns zusammensitzen. Lass uns gemeinsam entdecken, wie es ist, wenn auch wir Männer über unsere Gefühle Auskunft geben, wenn auch wir Männer uns ergreifen lassen von dem, was nicht planbar und machbar ist.“ Ich mal mir aus, wie Du zu erzählen beginnst, davon, dass Dein Plan vom Leben völlig über den Haufen geworfen wurde, dass das alles andere als romantisch war, dass Du ein Leben lang damit innerlich gerungen hast, damit einsam geblieben bist und am Ende als offene Frage gestorben bist. Und ich hör Dir zu und denk an die vielen Männer, denen es ähnlich geht, die schweigsam bleiben und doch so viel zu erzählen haben und ich glaube und vertraue darauf: Spätestens dann – im Himmel – da werden auch wir Männer reden und wir werden die Geschichten hören, die hinter den Geschichten liegen, da wird es Tränen geben, auch von Männern und einen, der alle Tränen abwischt und verwandelt.

Markus Herb, Landesmännerpfarrer

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5 Kommentare zu Josef: der schweigsame Macher

  1. Kahlau, Hans 16. Dezember 2015 um 18:44 #

    „Ja,sag doch was!“ – Ich sage dir, lieber Markus, herzlichen Dank für deine einfühlsamen Gedanken zum Joseph. Sie haben mich gleich angesprochen und bewegt. Da schreibt einer, der die Männerseele (auch die eigene) gut kennt!
    Manchmal wünschte ich mir solche Gedanken auch als Predigten im Weihnachtsgottesdienst, geäußert von anderen Pfarrern. Halten wir diesen Männern Gottes zugute, dass sie zwar gelernt haben „etwas“ zu sagen, aber meist nicht, dabei auch von sich selbst zu erzählen.
    Vielleicht müssen wir gar nicht warten bis „im Himmel“, um uns so gegenseitig mit unseren Männergeschichten zu berühren. Manchmal reicht auch schon der Besuch in einer Männergruppe – ich habe das erst gestern wieder erlebt und kam ganz erfüllt davon zurück!

  2. Joachim Kämpf 16. Dezember 2015 um 19:28 #

    Sag, doch auch mal was…
    Wie oft habe ich das hören müssen und mir fiel dazu nichts ein. Oft dachte ich mir dabei, besser mal nichts sagen – ist doch sowieso das Falsche.
    Doch in letzter Zeit, nach mehreren Kontakte und Gesprächen bei Männervespern und Netzwerktagen, sag ich schon auch mal was dazu, auch wenn das was ich sage nicht immer das ist, was die anderen hören wollen.
    Es tut gut etwas zu sagen, aber was hätte Josef zu seiner Situation sagen sollen? Diese Frage geht mir in der Adventszeit durch den Kopf, eine Antwort habe ich bisher noch nicht gefunden, lediglich ein paar Ansätze. Ich wünschte mir auch wie Hans, dass männliche Pfarrer mehr von sich selbst als Mann in ihren Predigten einbringen müssten.
    Lieber Markus, ich danke Dir für diesen Text und bin gespannt auf die Diskussion in BibelTV zu diesem Thema.

    • Ulrich Thierhoff 19. Dezember 2015 um 2:13 #

      Hat Josef wirklich nichts gesagt?
      Fest steht doch nur, dass seine Worte nicht überliefert wurden. Vor der Reise und unterwegs nach Bethlehem und später nach Ägypten gab es manches zu organisieren; das war damals (und ist oft auch heute noch) Männersache. Da wird Josef seinen Mund gebraucht haben, aber vielleicht hat er nur das Nötigste gesagt. Ich vermute aber, dass er auch zu den Aufträgen, die er von Gott erhielt, was gesagt hat: etwas Dummes, Aufmüpfiges, Unpassendes oder etwas Kluges, Zustimmung und Ergebenheit? Die Überlieferung hat es ausgeblendet, hat Josef stumm gemacht.
      Ähnlich erlebe ich das heute als Mann auch gelegentlich: Ich soll meine Meinung sagen – aber eine, die politisch korrekt formuliert ist, nicht langweilig aber auch nicht aggressiv, im vorgegebenen Rahmen bleiben, und nur „konstruktive“ Kritik üben, dabei nicht jammern und nicht polemisieren. Manchmal halte ich mich daran oder schweige einfach, aber manchmal breche ich auch die postulierten Tabus und werde dann in der Regel mit Nichtbeachtung bestraft. Die Überlieferung (heutzutage heißt das „Protokoll der Sitzung“) macht mich dann stumm. Na, ja.
      Herzliche Grüße
      Ulrich

  3. Andreas 17. Dezember 2015 um 10:18 #

    Danke, Markus, für deine Gedanken und Anregungen! Männer die miteinander ins Gespräch kommen, die von ihren Nöten, Zweifeln, Tränen und Hoffnungen erzählen, die sich wohlwollend und mit offenem Herzen begegnen, das erlebe ich immer wieder. GOTT SEI DANK! So etwas gibt es wirklich. Ein neues Jahr liegt vor uns, ein neuer Weg, neue Möglichkeiten. Nur Mut, liebe Männer. Es lohnt sich. Sag was.

  4. Stephan Burghardt 17. Dezember 2015 um 14:38 #

    Von Mann zu Mann

    wie läuft’s – fragt der eine
    wie immer – sagt der andere
    das sind unsere mauern

    wie geht’s – fragt der eine
    gut – sagt der andere
    das sind unsere verstecke

    wie steht’s – fragt der eine
    gut – sagt der andere

    und so finden wir uns
    ein leben lang
    nicht der mühe wert

    (Autor vermutlich Rudolf Weiss, 1920-1974)

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