Karfreitag

Wir nähern uns dem höchsten evangelischen Feiertag, wie man sagt: Karfreitag. Jesus umschreibt das, was er auf einem Hügel mit dem makabren Namen „Schädelstätte“ erleiden wird, einmal so: „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ Sein Sterben an einem Folterinstrument aus Holzbalken geschieht also für uns, seine „Schafe“.
Wie finden wir das? Ist das cool? Mutig? Männlich? Der softe Hirte mit wallendem Gewandt, faltenfreier Haut und leichtgewelltem, langem Haar, wie er auf manchen Gemälden dargestellt wird, ist Jesus offenbar nicht. Sein Job ist ein Knochenjob, sogar ein lebensgefährlicher. Das Kreuz ist nichts für Weicheier und die Tatsache, dass Jesus sich freiwillig und bewusst für uns daran nageln lässt, lässt mich schaudern und staunen gleichzeitig. Ich bewundere diese seine Konsequenz. Er hätte die ganze Sache ja schon vorher abbrechen können. Er hätte unzählige Engel beordern können, um ihn aus den Händen des jüdischen Hohen Rats oder des römischen Prokurakts zu befreien. Aber er zieht die Sache durch! Wie oft kneife ich bei wesentlich geringeren Folgen für Leib und Leben? Wie schnell hänge ich meine Fahne in den Wind? Wie wenig Mumm bringe ich auf, für Überzeugungen mal richtig geradezustehen? Oder wie oft will ich mit dem Kopf durch die Wand – und das nicht für andere, sondern für mein Ego? Wenn ich so darüber nachdenke ist das Kreuz nicht „nur“ ein gigantisches Heilsereignis, sondern auch eine herausfordernde Charakterschule!
Nun wird heutzutage das Karfreitagsgeschen hinterfragt und bezweifelt, dass Jesus tatsächlich mit seinem Leben unsere Schuld gesühnt und getilgt hat. Ist es / war es theologisch gesehen wirklich nötig, dass er für uns und unsere Sünden sterben muss? Könnte Gott uns nicht auch anders retten? Könnte er uns nicht einfach so unsere Schuld vergeben? Solche Fragen sind erlaubt, klar. Jeder darf seine Probleme mit dem krassen Karfreitagsereignis haben. Wenn sogar manche Theologen – übrigens nicht nur weibliche! – kritisch fragen, ob das grausame Kreuz wirklich sein musste, dann denke ich mir als „Schaf“: Wie gut, dass mein Hirte bereit ist für mich zu kämpfen, selbst wenn ihn das sein Leben kostet! Bei einem Feigling fühlte ich mich jedenfalls nicht sicher…

Christian Lehmann, Pfr. in Walheim und Bezirksmännerpfarrer im Kirchenbezirk Besigheim

Wie gefällt Ihnen dieser Beitrag?

  • Sehr gut (4)
  • Gut (3)
  • Geht so (1)
  • Gar nicht (1)

, ,

Noch keine Kommentare.

Schreibe einen Kommentar