Kleines Glück

Maennersegen - Kleines GlückDa ist es wieder, dieses Hochgefühl! Ich fange an, laut vor mich hin zu singen und lasse einen Jodler los, wie ein Bergsteiger auf einem Gipfel.

Ich bin aber mit dem Motorrad unterwegs, alles passt: Die Luft ist mild, der Belag griffig, Kurve reiht sich an Kurve und ich habe die Straße für mich allein. Jetzt nur nicht übermütig werden, hier oben sind die Landstraßen immer für eine Überraschung gut: Sand und Kies, den der letzte Regenguss auf den Asphalt gespült hat, ein Langholztransporter, der Platz braucht oder eine Kurve, die plötzlich zumacht. Trotzdem genieße ich den Flow und die Kraft des Motors, der mich aus den Schräglagen wieder in die Vertikale zieht. Nach einigen Minuten ist es vorbei, die Straße wird belebter, fordert meine Konzentration.

„Ferme Auberge“, eine hölzernes Schild weckt meine Neugier. Es ist Mittagszeit und ich bin langsam hungrig. Ich biege ab und folge dem Sträßchen, durch Weiden und Wälder, immer weiter bergauf bis es nur noch eine Schotterpiste ist. Eine Gruppe Wanderer macht mir Platz, winkt freundlich zurück. Nach einigen Kilometern weitet sich die Landschaft und vor mir, zwischen grasbewachsenen Hängen steht ein altes Bauernhaus. Der Patron begrüßt seine Gäste in schönsten Elsässisch, das leider immer seltener zu hören ist. Ich nehme an einem Tisch auf dem Balkon Platz und bestelle ein herzhaftes Vesper. Frisches, kühles Quellwasser tut jetzt richtig gut. Beim Essen genieße ich die wärmenden Sonnenstrahlen, die Aussicht hinunter in den Sundgau und rüber bis zu den Schweizer Alpen und ein Schwätzchen mit dem Wirt. Dann kommt auch die Wandergruppe und es wird trubelig. Ich beschließe, noch ein wenig von der Stille mitzunehmen und mache mich auf den Weg, schiebe die Maschine zum Hoftor und lasse mich bergab rollen, mal langsam, mal flott, nur das Windgeräusch am Visier und das Knirschen des Schotters unter den Rädern. Unten an der Landstraße starte ich den Motor. Wieder treibt mich der Boxer durch Wälder und Weiden, durch kühle Schluchten und sonnige Pässe, bergauf, bergab. Noch einmal geht’s die Route des Cretes entlang, die ich an diesem Werktag fast für mich alleine habe. Dann hinunter ins Rheintal, ödes Geradeausfahren, manchmal auf Alleen, aber meist nur durch Mais- und Rübenfelder. Fahren wird nun wieder zur reinen Fortbewegung. Einzige Abwechslung ist die Fähre, die ich den Brücken vorziehe. Ein unverzichtbares Ritual des Grenzübertritts seit Jahrzehnten, erst recht, seit die Kontrollen weggefallen sind. Es wird Abend und es geht weiter, immer gerade aus. Ich muß die Autobahn nehmen, und den Schwarzwald rechts liegen lassen. Es ist der Preis, den ich aber immer wieder in Kauf nehme, für ein kurzes, kleines Glück, eine Auszeit in den Vogesen.

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