Männergefühle – manchmal erschreckend

vfb-stuttgartIch war neulich im Stadion, VfB gegen Borussia Dortmund: Massen von Menschen auf dem gleichen Weg, meist Männer. Massen von Polizei in jeglicher Aufmachung, ob zu Fuß, auf dem Motorrad oder Pferd, im Auto und Massen von Sicherheitspersonal zusätzlich am und im Stadion. 0:3 der Spielstand am Ende. Schade auch. Was mir bei diesem (erstmaligen) Besuch eines Bundesliga-Fußballspieles eindrücklich geblieben ist hat mich innerlich erschüttert. Nach dem Spiel gingen die VfB Spieler an die VfB-Fankurve.  Sie wurden dort mit Schmähungen in Wort und Geste überschüttet, ebenso wohl auch nach der Niederlage gegen Mainz 05, so zumindest die Berichterstattung in der Zeitung. Die 11 Männer des VfB haben verloren, jetzt mehrfach hintereinander, okay, aber sie haben trotzdem gekämpft. Mehr ging wohl nicht – aus körperlicher oder psychischer Kraft, wie auch immer. Die 11 hätten garantiert gerne am Ende selber ein anderes Ergebnis gehabt. Warum es nicht klappte, keiner weiß es wirklich.
„Furchtlos und treu“ – der Anspruch ist hoch, für Spieler und Fans. Sie dafür so nieder zu machen wenn der Sieg sich nicht einstellt, ihnen den eigenen Frust als Zuschauer und Fan so hinzudonnern, sie so zu ächten, zu degradieren, auf sie herab zu sehen und so zu entehren und zu entwürdigen, haben sie nicht verdient und war mir in diesem Moment des Beobachtens sehr zuwider. So etwas musste ich persönlich noch nie über mich ergehen lassen. Vermutlich hätte ich mir das auch nicht 2 mal gefallen lassen, ich hätte gekündigt. So gehen Männer nicht miteinander um, weder im normalen, noch im beruflichen, noch im Verhältnis zwischen Sportler und Fan. Das war äußerst unsportlich von Seiten der Fans, eine Verrohung der „Fußball Sitten“ und des Miteinanders. Wie soll so Motivation für das nächste Spiel entstehen? Dass 2 VfB-Spieler ihren Vertrag dieser Tage verlängert haben, auch wenn es in die 2. Liga geht, ist dagegen als sportlich zu werten.
„Aus der Rolle zu fallen“ ist scheinbar irgendwie trendig, wenn man z. B. auch das sog. „Schmähgedicht“ des Herrn B. noch in Erinnerung hat. Und dies alles in der Öffentlichkeit – wo sind wir hin gekommen? Welchen Stellwert hat noch der „Benimm“ in Wort und Tat in der Öffentlichkeit? Für was für ein Verhalten schämt man sich eigentlich noch oder ist dieses Wort damit, dass es aus unserem Wortschatz verschwunden ist, auch aus dem Verhalten verschwunden? Welches Männervorbild wird denn an Jungs – die auch mit im Stadion waren – vermittelt, wenn solche Szenen sich nicht nur bei den Treffen der sog. „Rechten- und Linksautonomen“ abspielen, sondern eben auch bei einem Fußballspiel? Mein christlich geprägtes Gewissen verbietet mir solch öffentliches (aber auch verdecktes) Männerverhalten. Die VfBler sind keine Verbrecher, nein, sie entsprechen seit längerem nur nicht den eigenen und den fremden Erwartungen, mehr nicht. Sie haben aber keinen Vertrag darüber mit den Fans, sich mit ihnen immer auf der Siegerstraße zu bewegen. Solch ein Männerverhalten straft den Satz (der mir selber schon immer suspekt war): „Fußball ist die schönste Nebensache der Welt“ Lügen. Schade, um unser selbst so inszeniertes Männerbild in der Öffentlichkeit.

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5 Kommentare zu Männergefühle – manchmal erschreckend

  1. Hans Kahlau 10. Mai 2016 um 17:24 #

    Lieber Stephan,
    ja, man kann es so sehen, wie Du. Und ja; Einige Fans haben die Grenzen sicher überschritten. Doch es gibt auch eine andere Sicht. Ich war ja mit Dir im Stadion und habe mir natürlich auch die Spiele des VfB danach im TV angeschaut. Und deshalb kann ich manche Empörung gut verstehen. Du schreibst, die Männer hätten „trotzdem gekämpft“. Aber genau das war nicht zu erkennen. Und es ist durchaus nachvollziehbar, wenn man(n) seine Wut darüber zum Ausdruck bringt, dass hier hochbezahlte Profis, die das x-fache von dem verdienen, was der „gemeine“ Stadionbesucher in der Lohntüte vorfindet, kollektiv ihre Arbeit verweigern. Die VfB-Legende Hansi Müller hat es am Sonntag im „Sport im Dritten“ klar ausgesprochen: Da kommen junge Talente, bekommen einen Vertrag mit Superkonditionen, einen Mercedes und eine Wohnung obendrein. Und nun glauben sie, sie sind die Größten. Dass aber zum echten Profi-Sein auch Anstrengung, Demut und unerschütterlicher Einsatzwille gehört, geht schnell unter. Da liegt meiner Meinung nach das Problem.
    Hätten die VfB-Fans einen echten Sports- und Kampfgeist gesehen, wären die meisten bei einer Niederlage nicht ausgerastet.
    Vieles am Verhalten der Fans ist erschreckend, unfair und unentschuldbar. Aber dennoch bleibt der Fußballplatz so ziemlich das einzige und letzte Feld, wo sich Männer mit all ihren Emotionen noch Auge in Auge gegenübertreten und Gefühle raus dürfen. Auge in Auge heißt hier auch klar unvermummt!
    Ich habe in den TV-Berichten nach dem letzten Spiel des VfB (wieder verloren) Kevin Großkreutz bewundert, der emotional sehr angegriffen eigene Fehler eingeräumt hat und sich bei den Fans für das Versagen entschuldigte. Das sind Kerle mit Mut, gegen die niemand seine Aggression richten wird, weil man ihnen abspürt, wie sie auch bei Niederlagen noch brennen für den Fußball.

  2. Frank Böhmler 10. Mai 2016 um 22:45 #

    Bravo Hans und sorry Stephan,

    aber Fußball ist nix für Zartbesaitete. Ich steh seit über 40 Jahren in der Kurve – das einzige private Hobby, das ich mir neben Arbeit und CVJM „leiste“. Und ganz ehrlich, es gibt wohl wenige Fans in Deutschland, die so leidensfähig sind – und trotzdem bis zum Schluss hinter unserer Gurkentruppe gestanden sind. Wir können schon unterscheiden, ob es nicht läuft, aber jeder alles gibt oder ob die Motivation fehlt. Klar bekomme ich bei manchem Sprechchor auch Pickel, aber andererseits gibt es auch keine Veranstaltung (und das schafft auch keine Kirche), wo alle gesellschaftlichen Schichten einträglich zusammen sind. In unserem Dauerkartenblock sitzt z.B. der Wirtschaftsprüfer neben dem Gabelstapelfahrer, dann eine Lehrerin und zuletzt eine Personalleiterin. – Und ihr merkt schon: Fußball ist schon lange kein ausschließliches Männerthema mehr. Ich würde mir in Kirche und CVJM so viel Begeisterung, so viel uneingeschränkte Unterstützung, so viel Identifikation, so viel Aufopferung (Allesfahrer) wünschen.
    Fußball heißt große Gefühle, und tatsächlich ist es für Männer sozusagen eine „geschützte Zone“ ohne permanenten Kontrollzwang.

    • Ulrich Thierhoff 11. Mai 2016 um 23:57 #

      Danke Frank und Danke Hans für eure Kommentare. Ich gehe persönlich nie auf den Fußballplatz, aber ich kann eure Meinung nachvollziehen.
      Ich meine: Fußball ist Ersatz für Krieg. Da können Emotionen ausgelebt werden, die woanders tabu sind. Das gilt für das Kicken in der Kreisklasse ebenso wie für Weltmeisterschaften.
      Dabei besteht natürlich immer die Gefahr, dass es körperliche und seelische Verletzungen gibt. Im Spiel ebenso wie in der Fankurve. Und immer wieder müssen Exzesse eingedämmt werden.
      Aber im Vergleich zu Krieg ist Fußball doch etwas sehr
      Schönes!
      Herzliche Grüße
      Ulrich.

    • Stephan 13. Mai 2016 um 19:25 #

      Super, ein echter und eingefleischter Fußballfan und dann noch aus dem gleichen „frommen Stall“ wie ich, das gibt es nicht so oft.
      Ja, das bin ich dann wohl, lieber Frank, emotional/ethisch zu zart besaitet. Ich habe etwas gegen Kontrollverlust, in der Tat.
      Gerne lasse ich es aber gelten, wenn Fachmänner wie du sagen, sie (die VfB-Spieler) haben sich nicht bemüht, die verwöhnten Jungs (Kommentar Hans), so etwas sehe ich als eigentlich fußballabstinent lebender Mann nicht. Vorstellen kann ich es mir aber trotzdem nicht so recht, bei dem Nachteil des auch eigenen Ehr- bzw. Imageverlusts in die 2. Liga ab zu rutschen und der nicht mehr Vermittelbarkeit an andere Clubs (wer will schon eine „Flasche“ kaufen?) oder bei den so oft zitierten Kabinen“gesprächen“ zwischen Trainer und Mannschaft. Zorniger war dafür ja scheinbar berüchtigt oder F. M., dass es da von Mann zu Mann nicht so zimperlich zuging. Und alles hat nichts genützt? Sie haben trotzdem nicht gewollt, sind einfach aus Behäbigkeit ihres komfortablen Lebensstils mehr spazieren gegangen auf dem Spielfeld als Einsatz gezeigt? Ich würde schon was dafür geben, einmal in deren Haut zu stecken in solcher Situation, aber nur ein einziges Mal.
      Klar auch, dass es keine reine Männerdomäne mehr ist – wobei es mich schon interessieren würde, wie die Frauen um dich herum sich in solch einem Fall verhalten. Gibt es einen Unterschied?
      Frank, ich mache dir ein Angebot. Nächstes Jahr mache ich vermutlich im emnw wieder meine Männer-Alpin-Tour, 6 Tage, von Hütte zu Hütte, vermutlich im Juli, zwischen 2.500 und 3.200 m Höhe. Geh doch mal mit. Die ist wirklich etwas für nicht so zart besaitet wie du es zu sein scheinst. Herzlich willkommen. Auch dort sind Männer, unterschiedlicher Berufe mit unterschiedlichem Status, vereint zusammen unterwegs, seither ohne Kontrollverlust. Liebe Grüße, Stephan

  3. Sieghart Seith 17. Mai 2016 um 9:55 #

    Ich lese den MÄNNERSEGEN hier regelmässig und gerne, weil er meist sehr anregend ist. Und ich war oft in der Versuchung, zu kommentieren (meist um zu loben). Da es aber so selten Kommentare gab, habe ich mich auch zurückgehalten damit.

    Interessant finde ich nun, dass das Thema Fussball die Kommentar-Lust anregt. Gut so! Vielleicht klappt es ab jetzt auch bei den anderen Beiträgen. Es muss ja kein „belangloses facebook-ping-pong“ werden. Spontan aber gehaltvoll – das wäre mein Wunsch.

    Liebe Grüsse aus dem Badnerland
    Sieghart

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