Männerschreie

Es hört irgendwie gar nicht auf in den Sportnachrichten/sendungen (meist beim Fußball) oder auf den bildreichen Berichterstattungen von denselben in den Zeitungen: Ein emotional außer Rand und Band geratener wilder Mann reißt den Kopf hoch und Mund so weit auf wie es geht, schreit laut los (was aber im allgemeinen Lärm des Stadions eh keiner hört), spannt die Arme und ballt die Fäuste, der ganze Körper Ausdruck von: So geht’s. Er schlittert auf Knien und Schenkel über den Rasen, setzt sich gigantisch in Szene vor seinen Fans für sein eben geschossenes Tor, vielleicht für sein einziges in diesem Spiel. Da muss man schon was drauß machen, die Chance kommt vielleicht in den 90 Minuten nicht wieder. Und alle anderen der gleichen Mannschaft und die Fans machen ähnlich mit: Springen auf, schreien los, stürmen auf ihn los auf dem Rasen, drücken ihn nieder, sind rasend vor Glück – wie beim Kindergeburtstag damals. Das Kind im Manne? Eine Handlung von innen heraus, befreiend und begeistert. Auch wenn manchmal der schreiende, kraftstrotzende Ausdruck des Gesichtes dem Betrachter Angst einflösen kann.
Männerschreie sind selten. Außer im Sport bzw. bei politischen Demos (vor allem der ganz rechten und ganz linken Szene), als Schauspieler – gespielt, da und dort mal in handwerklichen Betrieben wenn Ärger und Fehler passiert sind, ggf. in Chefetagen beim Rapport, ggf. bei außer Kontrolle geratenen partnerschaftlichen Auseinandersetzungen bzw. gegenüber pubertierenden, eigenen Jugendlichen. Im normalen Männerleben sonst, Fehlanzeige. Wenn Frauen in der Öffentlichkeit schreien so fällt mir auf, wird dies von den Umstehenden oft mit Verständnis quittiert: Sie wird schon einen berechtigten Grund dafür haben. Wenn Männer das Gleiche tun gilt dies als unanständig, unangemessen, ggf. als übergriffig. Oder?

Männerschreie, wofür? Würde es etwas bringen wenn Mann seine innere Blockade, ggf. seine Anstandsblockade dann und wann überwinden könnte so wie oben beschrieben? Die Freude, das Erfolgserlebnis und die Überraschung bzw. die Wut emotional auch so raus lassen zu können? Fäuste ballen, Mund aufreißen, schreien und andere damit/darauf aufmerksam machen? Statt dessen geschieht es i. d. R. im Innern von uns Männer. Mann wiegelt eher ab wenn was gelingt, wenn andere einen loben, die Freude darüber ist eher still und leise: Kein Problem, gern geschehen, war nicht schwierig, geht schon, war doch klar. Freude mit gedämpftem Schaum, schade auch.

Jesus ist mir ein inneres Vorbild. Seine Erfolge (und die gab es) quittierte er ohne Schreie. Es gibt nur eine Szene im Neuen Testament in der er geschriehen haben soll. Kurz vor seinem Tode am Kreuz. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Bei der sog. Tempelreinigung, also in einem Anfall von Enttäuschund und Wut, bei dem man sich dies auch vorstellen könnte, malten viele Künstler einen schreienden Jesus. In den biblischen Texten steht davon aber nicht. Jesus, nur der Softman, bedächtig und weise lehrend, leise und anständig? Ein Männerleben ohne Schreie? Langweilig?
Seine „Schreie“ waren: Keinen Streit vermeiden, Auditentizität, einer Vision und Hoffnung folgen, den unteren Weg da und dort kraftvoll gehen, sich nicht von Autoritäten den Mund verbieten lassen, immer ein hilfreiches Wort für andere bereit haben, unterwegs zum Menschen so wie und wo auch immer sie waren. Seine „Schreie“ waren eher Taten.
Männerschreie: Wenn es mal zu viel wird bzw. wenn es super läuft, dann darf/soll/muss Mann auch mal schreien. Vielleicht hört dies jemand – und handelt dann entsprechend.

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