Nicht ganz bei Trost?

JSchwarzPs 23,4: “Dein Stecken und Stab trösten mich!”

Stecken und Stab: Wer hat schon Schlagstock und Stützstab in der Hand, wenn er geht, um einen anderen zu trösten? Ist Trösten nicht sanfte Worte mit milder Stimme und zart die Hand auf die Schulter gelegt?
Im Hebräischen deckt das Wort „Trost“ ein etwas anders zugeschnittenes Feld ab als im Deutschen. „Dein Stecken, die Abwehrwaffe, der Schlagstock, und Dein Stab, mit dem Du mich stützest, wenn es schwer wird, die trösten mich.“ Wenn ich allein einem großen Hund gegenüberstehe, der keine friedlichen Absichten hat, dann starre ich den Hund an. Das Falscheste, was man machen kann. Aber wenn neben mir einer steht, der mit Hunden kann, dann schaue ich, was der macht, weil: „Der macht das schon.“ Das ist Trost: Den Blick wegwenden von der Gefahr, hin zur Hilfe, weil der andere den „Stecken“ hat, der die Gefahr abwehrt. Wenn da der Abgrund ist und wir gesichert am Seil gehen: Den Blick nicht in die Tiefe richten, sondern auf den Boden, die Wand, das Seil, den „Stecken“ eben. Das ist Trost. Das bleibt nicht bei Worten. Trost wird wirksam in unserer Lebens-Wirklichkeit, sonst ist es biblisch gesprochen ein „windiger Trost von einem leidigen Tröster“ (Hiob 16,2; 21,34).
„Dein Stecken und Stab trösten mich!“ Trösten heißt, dass der andere mir den Blick da hin wendet, wo die Hilfe, wo die Rettung ist: Auf Stecken und Stab, auf Rat und Hilfe, weg vom letzten furchtbaren Schritt, hin auf den nächsten heilvollen Schritt. Das ist der entscheidende Unterschied: Trösten heißt nicht: „Wende Du den Blick. Kuck Du auf das Heilvolle.“ Das kann ich ja oft gar nicht mehr, wenn ich wirklich Trost brauche. Sondern trösten heißt: „Der andere wendet mir den Blick“; ich sag es drastisch: „Der mich tröstet, der dreht meinen Kopf dahin, wo ich weitergehen, weiterleben, weiteratmen kann!“
Jesus übt das mit den Jüngern ein, in der Abschiedsstunde: »Doch die Stunde kommt, ja, sie ist gekommen, da ihr zerstreut werdet … In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« (Joh 16,32f.) Jesus dreht uns den Kopf: Er wendet sich uns zu. Und ganz präzise: Er wendet mich ihm zu! Er dreht mir den Kopf, so dass ich IHN sehen kann. Das tut er für mich. Und er erwartet nicht, dass ich das für mich tun kann. Oder dass ich das für ihn tun kann. Er ist allein, wo es auf mich ankommt. Aber ich bin nicht allein, wo es auf ihn ankommt. Er dreht mir den Kopf auf ihn hin. Das ist trösten. Und, ja, das ist die Sprache der Liebe: Er verdreht mir den Kopf.
Jürgen Schwarz, Landesmännerpfarrer

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