In der Kampagne "Polished Man" bemalen Männer einen Fingernagel, um so auf sexuellen Missbrauch von Kindern aufmerksam zu machen.

Selbstversuch als „Polished Man“

Männer mit lackierten Fingernägeln – oder besser gesagt, mit einem lackierten Fingernagel – finden sich zur Zeit im Internet. Doch es handelt sich hierbei nicht etwa um einen neuen Beautytrend, vielmehr geht es dabei um ein wichtiges Thema: Ziel ist es, auf Kindesmissbrauch aufmerksam zu machen. Doch warum der lackierte Nagel?

Ich wollte mehr darüber wissen und fand folgende Erläuterungen: Als der Australier Elliot Costello vor einigen Jahren in Kambodscha unterwegs war, lernte er dort die kleine Thea kennen, die ihm von ihrem Schicksal erzählte. Sie wurde lange Zeit sexuell missbraucht. Als sich der Australier und das Mädchen irgendwann aus Spaß gemeinsam die Fingernägel lackierten, versprach Elliot Thea, dass er ab nun immer einen seiner Fingernägel lackiert haben würde, um sich so an sie und ihre Geschichte zu erinnern. Costello startete, zurück in seiner Heimat, die Kampagne #PolishedMan (auf Deutsch: polierter Mann), die Männer dazu aufruft, durch einen lackierten Fingernagel ein Zeichen gegen Kindesmissbrauch zu setzen. Denn der eine lackierte Nagel an einem der fünf Finger einer Hand steht symbolisch dafür, dass eines von fünf Kindern weltweit Opfer sexueller Gewalt wird. Innerhalb kurzer Zeit befanden sich im Internet unter dem Hashtag #PolishedMan tausende Bilder von Männern mit lackiertem Fingernagel.

Nachdem ich also jetzt die Story kannte, entschied ich, mich versuchsweise der Aktion anzuschließen. Bei meiner Tochter fand ich bald einen dunkelgrünen Nagellack und bemalte mir damit den Ringfinger der linken Hand. Ich wollte einfach wissen, was passiert und wie meine Mitwelt reagiert. Meine Tochter fand die Aktion gleich „cool“. Meine Frau wollte schon genauer wissen, was dahintersteckt und studierte ebenfalls die Internetbeiträge. Schließlich ließ sie mich machen, sagte mir aber zugleich, wo ich für alle Fälle ihren Nagellackentferner finden würde. Spannend war der erste Tag im Büro. Meine Kollegin sprach mich rasch an und vermutete, dass wohl die Enkeltöchter dem Opa diese Zierde am Finger verpasst hätten. Dann entdeckte auch ein FSJler (Freiwilliges Soziales Jahr) meine dunkelgrüne Bemalung. Voll Mitleid fragte er, ob ich mir denn mit dem Hammer auf den Nagel gehauen hätte.

Natürlich habe ich beide, auch wenn die Erklärungsversuche originell waren, rasch aufgeklärt, von der Kampagne „Polished Man“ erzählt und es kam jeweils ein kurzes Gespräch darüber zustande. Das Kampagnenziel, Kindesmissbrauch zum Thema zu machen, konnte ich in bescheidenem Umfang also durchaus umsetzen.

Dennoch: Ich fühle mich als „polierter Mann“ nicht recht wohl. Es bleibt ein fremdes Gefühl beim Blick auf meine linke Hand. Und der Lack beginnt auch schon langsam abzuplatzen. Bald kommt also der Nagellackentferner zum Einsatz. Aber eine interessante Erfahrung war es für mich. Und eine eindrucksvolle Kampagne von Männern, die gerade Männer etwas angeht, ist die Sache allemal! Deshalb erzähle ich auch davon.

Weitere Informationen: http://ygap.com.au/polished-man/

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3 Kommentare zu Selbstversuch als „Polished Man“

  1. Ulrich Thierhoff 10. Februar 2016 um 10:53 #

    Ich kann mich mit solchen Kampagnen von Bessermenschen (Gutmenschen darf man ja nicht mehr sagen) gar nicht anfreunden! Eine wichtige Botschaft des Neuen Testamentes ist: „Gott hasst die Sünde, aber nicht den Sünder.“ Sexualstraftäter (besonders aber Unschuldige, die verdächtigt werden!) haben es besonders schwer, wieder ins normale Leben zurückzukehren. Es verhindert auch keine Straftaten, wenn öffentlich Treibjagd auf Verdächtigte gemacht wird.
    Wenn ein Opa – auf einem Sofa sitzend – im Kindergarten vorliest und dabei Kinder, die mit ins Buch schauen wollen, sich rechts und links an seine Schulter anlehnen, kommt prompt am nächsten Tag Protest von durchgedrehten Eltern. Ich habe genau deshalb meine Vorlesestunde nach kurzer Zeit wieder aufgegeben. Andere Männer haben mir ähnliches erzählt: Ein Mann findet auf der Straße ein knapp dreijähriges weinendes Mädchen und bringt es wieder ins Elternhaus zurück. Er hat sich nicht getraut, dem Mädchen über den Kopf zu streicheln oder es gar auf den Arm zu nehmen, das könnte ja jemand sehen und falsch interpretieren.
    Deshalb frage ich auch, wenn ich so jemanden mit blau lackiertem Fingernagel sehe, ob er wohl nicht mit einem Hammer umgehen kann. Und vielleicht füge ich – bös‘, wie ich bin – hinzu: „Hoffentlich hat’s weh getan!“
    Herzliche Grüße
    Ulrich

  2. Markus Mezger 11. Februar 2016 um 12:28 #

    @ Ulrich Thierhoff
    Aber was haben nun eigentlich all diese auf mich etwas zusammenhangslos wirkenden Sätze mit dem interessanten Selbstexperiment und anregenden Text von Hans Kahlau zu tun?
    Stirnrunzelnde Grüße
    Markus Mezger

    • Ulrich Thierhoff 12. Februar 2016 um 4:03 #

      @ Markus Mezger
      Wer den lackierten Fingernagel bei einem Mann nur als eine „coole“ Lifestyle-Aktion sieht, dem ist natürlich mein Kommentar zusammenhanglos und unverständlich. Hans Kahlau hat aber nicht nur von sich berichtet sondern auch die Hintergründe von #PolishedMan benannt.
      Gut gemeinte Kampagnen, die Panik und Hass auslösen oder verstärken können, halte ich für bedenklich. Wenn sie auf den ersten Blick menschenfreundlich aussehen, ist das nur umso schlimmer.
      Bitte weiterhin die Stirn runzeln!
      Herzliche Grüße
      Ulrich Thierhoff

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