Sieben Wochen Mann sein: Einfach. Bewusst. Gut.

Noch sind draußen die Narren unterwegs. Für manche ist das die „fünfte Jahreszeit“ und unverzichtbar. Andere sind eher genervt wenn auf der Straße, im Fernsehen und im Gemeindehaus bunte Fähnchen hängen und bunte „Vögel“ unterwegs sind.
Mir gefällt es, dass die Narren ihr Fest und ihre Zeit im Jahreskreis haben. Und ich bin gerne mit dabei, auf Umzügen der schwäbisch-alemannischen Fasnet und am schmotziga Daoschdig im Büro. Dort ziehe ich mir auch gerne selbst die rote Nase an. Dann mache ich mich über mich selbst und meine Kolleg*innen lustig und über manchen Unsinn, der das Jahr über in der Welt und rund um meinen Arbeitsplatz passiert ist. Das tut mir gut. Und den anderen schadet’s nicht.

Am Aschermittwoch beginnt dann die Fastenzeit. Nach vielerlei Erfahrungen mit „7 Wochen ohne …“ und „7 Wochen mit …“ ist mein persönlicher Leitgedanke in diesem Jahr „Sieben Wochen – einfach!“
Vieles von dem was uns für die Fastenzeit vorgeschlagen wird entspricht, wenn man es kritisch anschaut, der subtilen Ideologie der Selbstoptimierung, die uns kaum mehr los lässt: Weniger Süßes, weniger Alkohol, weniger Handy oder Fernsehen, mehr Bewegung, mehr Stille, mehr Engagement für …  Es ist ja was dran am Verzichten in dieser (westlichen) Welt der stetigen Überfülle. Es ist auch etwas dran, am „sich kümmern um sich selber“ in dieser Welt der vielfältigen Fremdbestimmung. Und es ist auch etwas dran an der Aufforderung, dass wir uns mehr umeinander sorgen und zum Wohle des Miteinander engagieren sollen, in dieser Welt, in der schon beim Einsteigen in die Straßenbahn oder bei der Verengung der Autobahn auf zwei Spuren, um die „pole position“ gekämpft wird.

Ich behaupte: Der tiefe Sinn der Fastenzeit ist die Freiheit. Vielleicht ist diese „Freiheit“ die Klammer, die die Fasnet und die Fastenzeit verbindet? In der Fasnacht eher aktiv, nach außen gerichtet, ein bisschen aufmüpfig, rebellisch, ausgeflippt. Und ab Aschermittwoch eher nachdenklich, besinnlich, nach innen gerichtet. Beides hängt miteinander zusammen: Einerseits die innere Freiheit, die mich unabhängig macht von Gewohnheiten, Zwängen und Süchten und mich konzentriert, und andererseits die äußere Freiheit die es mir ermöglicht, ausgelassen zu sein, aber auch meinen Mann zu stehen, egal ob ich Rückenwind oder Gegenwind bekomme.

Vielleicht sollten wir uns in der Fastenzeit öfter mal folgende Fragen stellen:
Was ist für Mich gerade dran?
Was ist für Mein Dasein im Augenblick gut?
Was könnte „Freiheit“ in diesem Augenblick bedeuten?
Was betäubt oder verstopft Mich – und was macht Mich wach und empfindsam?
Wie kann der heutige Tag sein bzw. besser gefragt: Wie kann er Meine unverwechselbare Farbe bekommen?
Welche Fragen stellt Mir das Leben jetzt gerade – und wie lauten Meine Antworten da-rauf?
Religiös gesprochen:
Wo vernehme Ich die Stimme, die Anrede, den Anspruch Gottes?
Wie kann Ich Meine Berufung auf dieser Erde leben?
Wer ist hier und jetzt Mein Nächster / Meine Nächste?

Es geht ums einfache, ums bewusste und ums (qualitativ und moralisch) gute Leben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Ich verstehe dies nicht als Druck oder Pflicht, sondern als Einladung: Sieben Wochen Mann sein. Einfach. Bewusst. Gut.

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