Übergangszeit

Am 2. Februar steht im kirchlichen Kalender das Fest „Mariä Lichtmess“. Offizieller Name: „Darstellung des Herrn“. Der Ursprung: 40 Tage nach der Geburt ihres Sohnes begann Maria, wie alle gebärenden Frauen damals in der jüdischen Kultur, wieder am öffentlichen Leben teilzunehmen. Sie ging mit Jesus in den Tempel, und brachte dort das vom jüdischen Gesetz vorgeschriebene Opfer dar: Zwei Tauben.

Die Weihnachtszeit, die vor zwei Monaten mit dem ersten Adventssonntag ihren Anlauf genommen hat, geht mit dem Fest Mariä Lichtmess zuende. Den Weihnachtsschmuck, der in der Wohnung da und dort noch überlebt hat, räume ich in diesen Tagen vollends weg. So entsteht da und dort freier Platz an den Fenstern und auf den Simsen.

Im süddeutschen Raum war der 2. Februar in früheren Jahrhunderten der Tag, an dem das Arbeitsjahr der Dienstboten, Knechte und Mägde endete. Der Kontrakt mit dem Dienstherrn wurde verlängert oder gelöst. Gegebenenfalls machte man sich auf die Suche nach einer neuen Anstellung. Und auf den Höfen begann die Vorbereitung des neuen Arbeitszyklus von säen, pflanzen, hegen, reifen lassen und ernten…

Hier und heute, Anfang Februar, dauert der Winter schon eine ganze Weile. Es ist eine Zeit, in der ich mich so langsam nach dem Frühling sehne, und mir oft auch noch eine fette Erkältung einfange. Vielleicht, weil meine Abwehrkräfte langsam ausgehen? Tatsächlich kann man jetzt, Anfang Februar, öfter beides wahrnehmen: den späten Winter und den sich ankündigenden Frühling. Die Tage sind schon spürbar länger geworden.

Zeitwohlstand
„Zeitwohlstand“ ist eine Sache, um die ich als berufstätiger Mann täglich ringen muss. In einer Kultur in der – dank Internet – immer mehr Dinge zu jeder Zeit und von jedem Ort aus möglich sind, und wir zugleich mit immer mehr Menschen medial vernetzt sind? Paradoxerweise ist Zeit mit den wachsenden Möglichkeiten, Zeit zu sparen, zu einem immer knapperen Gut geworden.

Michael Ende hat uns das vor Jahrzehnten in der großartigen Erzählung „Momo“ eindrucksvoll erzählt. Da sind es die „grauen Herren“, die den Menschen mit dem Angebot, Zeit zu sparen, die Zeit stehlen.

Byung Chul Han, ein Philosoph, der aus Korea stammt, und in Berlin lehrt, nennt in seinem Buch „Der Duft der Zeit“ unser Leiden „Dyschronie“. Er beschreibt damit, dass wir nicht nur in zu wenig Zeit zu viele Dinge unterbringen, sondern dass wir auch parallel in unterschiedlichen Zeithorizonten leben, bzw. dass in den digitalen Welten Zeit und Räume als begrenzende Faktoren außer Kraft gesetzt sind. Banking geht immer und überall (wo ein Netz ist). Einkaufen und Verkaufen auch. Wissensdurst stillen oder mit Menschen und Gruppen in Kontakt sein – kein Problem. Auch mit mehreren gleichzeitig. Egal, wo wir (oder die Kommunikationspartner) gerade sind. Jede Zeitlücke, sei es in der U-Bahn, in der Kassenschlange, an der Bushaltestelle oder vor dem Kino, kann so gefüllt werden. Video- und Audioinhalte, die bisher in einem „Programm“ strukturiert sind, stehen uns via Streaming ebenfalls immer und fast überall zur Verfügung. Mit dieser zunehmend grenzenlosen Freiheit zerrinnt uns seltsamerweise die Zeit in den Händen. Die Zeit wird, so B.C. Han, zum einförmigen Takt und dazu noch fragmentiert, zerstückelt, und geht uns als geformtes Kontinuum, als „Erzählung“, als „Umweg“, als „Melodie“, als sinnliches Kunstwerk verloren.

Rhythmen
Was mir dabei hilft, meine Zeit – in all dieser Freiheit – zu gestalten, und sie damit besser zu „bewohnen“ und zu genießen, sind zeitliche Rhythmen, an die ich mich binde und gebunden fühle:

Grundlegend ist für mich der Rhythmus der Natur, bestimmt vom Lauf der Erde um die Sonne, den Jahreszeiten. Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne und viel draußen in der Natur unterwegs bin. Ich bin ja Teil, dieser Natur.
Darin eingebettet und ähnlich grundlegend ist für mich der überwiegend christlich geprägte Rhythmus im Jahres-Kreis der Feste und geprägten Zeiten. .

Das Gute an diesen Rhythmen: Sie sind da, wie eine Jacke, und ich darf mich einfach darin einfinden, wo es mir passt. Und mich reiben, wo es mir nicht passt. Es sind Denk-, Fühl- und Handlungsanstöße, die mich mit Generationen von Menschen durch die Geschichte – aber auch heute noch mit vielen – verbinden.
So entstehen Resonanzen zwischen der Natur, die mich umgibt, und meiner Seele. Und auch zwischen der Religion und den Kulturen, in denen ich lebe, und meiner Seele.

So tauche ich in diesen Februartagen langsam auf aus dem winterlichen Rückzug. Eine Zwischenzeit hat begonnen. Noch ist kein Frühling. Übergangszeit … Brachzeit… auf jeden Fall eine Zeit zum Hinschauen: Wo und wie will etwas wachsen? Was könnte werden in diesem Jahr – und kündigt sich vielleicht mit leisen Tönen, Ahnungen, Knospen an? Und am liebsten nehme ich mir einen Tag frei, wandere durch die Gegend und lausche dem, was sich draußen und in mir drinnen tut.
Und Vorsicht: Übergangssituationen haben auch etwas Zerbrechliches. Zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht sind wir unsicher, empfindsam und besonders verletzlich. Auch das – finde ich – ist in diesen Tagen zu spüren. Vielleicht hat es deshalb der Schnupfen so leicht …

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Ein Kommentar zu Übergangszeit

  1. Ulrich Thierhoff 5. Februar 2019 um 9:48 #

    Hier eine kleine Korrektur:
    Tilman Kugler spricht vom „kirchlichen“ Kalender, meint aber wohl den katholischen.
    Das Ende der „Weihnschtszeit“ und der Bezugspunkt für die Benennung der darauffolgenden Sonntage ist nach dem evangelischen Kalender Epiphanias (6. Januar).

    Herzliche Grüße Ulrich Thierhoff

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