Und das traust Du Dich?

 

Letzte Woche war ich Motorrad fahren, zusammen mit einem Freund. Ziel die RDGA, die Route de Grand Alpes, eine Touristenstraße, die vom Genfer See an die Cote d’Azur führt und einige der höchsten Alpenpässe verbindet. Von dieser Tour habe ich  schon lange geträumt, und da bin ich sicher nicht der Einzige.
Manche dieser Pässe sind erst seit wenigen Tagen offen und der Verkehr hält sich in Grenzen. Aber schon jetzt gibt es auf den Passhöhen Rummel um die Namensschilder mit den Höhenangaben. Was sonst noch auffällt: Es sind dort fast nur Männer unterwegs. Auf Motorrädern, auf Rennrädern, in aufgemotzten Sportwagen und in Oldtimern. Die meisten  jenseits der fünfzig, wie ich selbst auch. Da begegnet der englische Gentleman im offenen Sportster dem französischen Monsieur auf seinem Peugeot-Rennvelo, die deutsche Gruppe von Cabriofahrern den Teilnehmern des organisierten Radrennens Paris-Nizza. Wie gesagt: Es sind meistens Herren gesetzteren Alters, die sich auf den Passhöhen treffen.
Was treibt diese an? Warum quälen sie sich Kurve um Kurve auf Höhen deutlich über 2.500m? Sind es die Vorbilder der Tour de France deren Namen auf den Asphalt gesprüht sind?  Warum fahren Männer aus Niedersachsen den weiten Weg von über 1000km mit ihren „Chromschätzchen“ in die französischen Alpen?  Ist es der Traum von Freiheit und das nostalgische Gefühl, sich dadurch nochmal jung fühlen zu können?
Wahrscheinlich geht es den meisten wie mir auch: Wenn man jung ist, kommt man nicht dazu, weil andere Ziele locken. Dann fehlt das Geld, denn die Familiengründung geht vor. Auch in der Familienphase hat man – nicht immer ganz freiwillig – andere Prioritäten. Doch dann kommt der Punkt wo der Traum im Unterbewusstsein zur fixen Idee wird und man sich sagt: Jetzt oder vielleicht nie? Ein halbes Jahr habe ich mich vorbereitet. Organisatorisch mit der Routenplanung, körperlich mit Fitnesstraining und technisch meine Maschine öfters gewartet. Wie so oft kommen im letzten Moment leichte Zweifel auf, die Befürchtung, sich zu übernehmen. Aber dann hält einen nichts mehr auf.

Eine Woche später sind wir zurück, nach 2.500 Kilometern auf meist kurvigen Strecken. Über ein Dutzend Alpenpässe und etliche Dutzend andere Pässen in Mittelgebirgen befahren. Mehr als 20.000 Höhenmeter bei Schnee und Hitze überwunden, jetzt glücklich und zufrieden. Mit ein bisschen Stolz erinnere ich mich an ein Gespräch in der Provence mit einem ausnahmsweise deutlich jüngeren Motorradler, der mit Blick auf mein Alter und meine fast dreißig Jahre alte BMW meinte: „Und das traust Du Dich?

Bleibt aber immer noch die Frage bzw. die Antwort offen, warum vorwiegend Männer solche Unternehmungen umsetzen… ?

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