Syr. orth. Kirche

Und heute?

1986, hinten weit in der Türkei…: Wir besuchen den Tur Abdin, ein Gebiet in der Türkei, in dem noch zahlreiche Christen leben. Wahrscheinlich leben Sie dort schon fast so lange wie es überhaupt Christen gibt. Unser Ziel ist Midyat und das in der Nähe gelegene Kloster Mar Gabriel. Wir wissen, dass es in der Gegend kriselt. Die Christen hier sind bedroht. Einige haben bereits in Deutschland Asyl gefunden.

Nach einem kurzen Besuch im Kloster – einschließlich Audienz im entsprechenden Raum – kehren wir nach Midyat zurück. Die in Reiseführern ausgewiesenen Übernachtungsmöglichkeiten im Kloster gibt es nicht mehr. Viele Flüchtlinge müssen jetzt dort Platz finden.

Midyat zerfällt damals deutlich sichtbar in zwei Teile, einen alten christlichen und einen neueren mit wohl mehrheitlich islamischer Bevölkerung. In letzterem finden wir eine einfache aber preiswerte und saubere Unterkunft. Zwischen den beiden Ortsteilen gibt es ca. 1 km „Niemandsland“.

 Der christliche Teil besteht damals aus älteren, sehr soliden Bauten aus Naturstein. Midyat ist kein Ziel für Pauschalreisen. Natürlich fallen wir als Touristen am Ort auf und werden sofort freundlich herumgeführt. Irgendjemand im Tross kann auch Deutsch, sodass die Verständigung recht problemlos funktioniert. Übersetzer ist ein ca. 10 jähriger Junge der eigentlich in Memmingen wohnt, aber jetzt hier seine Ferien verbringt. Im Ort gibt es zahlreiche Gotteshäuser unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Zunächst ging es in eine protestantische (was auch immer das genau heißen mag, unsere Begriffe scheinen hier nicht unbedingt übertragbar) Kirche. Es handelt sich um einen sehr soliden Steinbau mit weiß gekalkten Wänden und einfachsten Bänken. Ein Mann, wahrscheinlich eine Art Mesner, führt uns herum und ermöglicht uns sogar eine Turmbesteigung mit herrlichem Ausblick. Dann geht es weiter zur nächsten Kirche. Dort angekommen folgt dann ein Schock für uns, als uns unser Begleiter unmissverständlich klar macht, dass er hier den Fuß nicht über die Schwelle setzt. Wir können das nicht nachvollziehen, schon gar angesichts der Situation in der die Christen hier leben. Aber vielleicht wissen wir auch nicht genug.

 Am Abend nehmen wir noch an einem aramäischen Gottesdienst teil. Vieles ist anders als bei uns. Die Frauen sitzen in einem separaten Raum, den ein Gitter vom eigentlichen Gottesdienstraum trennt, auf Sofas. Der Geräuschpegel während des Gottesdiensts legt nahe, dass sie einander sehr viel mitzuteilen haben. Die Männer sind im eigentlichen Kirchenraum und vollziehen dort die gottesdienstlichen Handlungen. Einen deutlich dominierenden Priester scheint es dabei nicht zu geben. Anders als in griechisch- und russisch-orthodoxen Kirchen gibt es hier auch Sitzgelegenheiten für die Gottesdienstbesucher.

Inzwischen sind mehr als 30 Jahre ins Land gegangen. Die oben geschilderten Erlebnisse sind schon aufgrund der politischen Entwicklung in der nächsten Zeit wohl nicht mehr wiederholbar. Trotzdem bewegt mich immer wieder die Frage wie sieht es dort heute aus? Die Antworten sind widersprüchlich. Sowohl Midyat als auch Mar Gabriel tauchten in letzter Zeit in negativen Schlagzeilen auf.

Über die äußeren Verhältnisse gibt Google eindeutig Auskunft, auch in Wikipedia findet man einiges. Midyat ist zwischenzeitlich auf dem Weg zur Großstadt. Alter und neuer Teil sind zusammengewachsen, das Niemandsland ist zugebaut. Flächenmäßig ist die christliche Altstadt nur noch ein kleiner Teil des Ganzen. Für die Werbung scheint die historische Kulisse, wie man im Internet sehen kann, noch ganz nützlich zu sein. Offizielle türkische Stellen bedienen sich ihrer gern.

Wie geht es weiter? Muss man beim gegenwärtigen Tempo der Veränderungen befürchten, dass knapp 2000 Jahre christliches Vermächtnis hier in Kürze ausgelöscht sind?

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