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Unterbrechung, Störung, Pandemie …. und jetzt Ostern?

Die Corona-Pandemie sorgt dafür, dass unser Leben zur Zeit sehr „anders“ geworden ist. Auch die Fastenzeit, die Karwoche, Ostern und das ganze soziale und religiöse Leben sind diese Jahr „anders“.

„There is a crack in everything. That’s how the light gets in…“ heißt es in Leonard Cohens Song „Anthem“.
Und in der Theologie ist immer wieder von „Andersorten“ zu lesen. Das sind Orte, die die Gegenwart Gottes – des großen, gleichwohl geheimnisvollen Geistes des Lebens, der um uns und in uns wirkt –  wie eine Prägung oder wie eine Frage in sich tragen. Orte, die spürbar und vorstellbar machen, dass Gottes Geist da ist. Oder Orte, die die Frage nach Gott aufwerfen.

Als Christ gehe ich davon aus, dass da, wo ich bin, auch Gottes Geist nicht weit ist. Nicht als Wellnessangebot, sondern in den Fragen und Aufgaben, die das Leben mir hier und jetzt stellt.
Und ich lade Euch liebe Leser ein, diese „Anderszeit“, in der wir gerade leben, als eine Zeit wahrzunehmen, in der Gott gegenwärtig ist:

  • in den Gefahren und Zumutungen, die diese Krise für Dich mit sich bringt,
  • in den Irritationen, enttäuschten Hoffnungen und geplatzten Plänen,
  • in den Herausforderungen und Fragen, vor die diese Zeit Dich stellt und
  • in den Dingen, die diese Zeit Dir neu und anders ermöglicht.

Die Fragen, die das Leben mir stellt mit der religiösen Tradition, mit der ich mich verbunden weiß, zu konfrontieren – das verstehe ich unter erwachsener Spiritualität. Diese erfordert etwas freie Zeit, einen wachen Geist und die Arbeit, Dein konkretes Leben und unsere gemeinsame Glaubenstradition in einen Dialog zu bringen.

In den kommenden Feiertagen bietet uns unsere christliche Tradition die Möglichkeit, im Spiegel des Leidens, Sterbens und der Auferstehung Jesu, und im Spiegel dessen, was die Frauen und Männer im Umfeld Jesu erlebt haben, unser eigenes Leben anzuschauen: Insbesondere das Schwere, die Verluste, das Schmerzhafte – und was sich durch beharrliche Trauerarbeit wandeln, und neu werden kann…

Der Gründonnerstag ist der Tag des letzten Abendmahls. Jesus ein letztes Mal in der Gemeinschaft seiner Jünger.

Der Karfreitag ist der Tag des Leidens, der Schmerzen und des gewaltsamen Todes Jesu, der den Menschen als Maßstab des Gesetztes gesehen, und das auch gelebt hat, und nicht umgekehrt.

Der Karsamstag ist der Tag der Stille, der Trauer, der Leere.

Der Ostersonntag ist der Tag, an dem die Jüngerinnen am Morgen entdecken, dass das Grab Jesu leer ist. Es ist der Tag an dem das Geheimnis, das Wunder der Auferstehung geschieht und Gestalt gewinnt.

Der Ostermontag ist der Tag an dem die Frauen und Männer in der Nähe Jesu beginnen zu begreifen, was geschehen ist, und was es bedeuten könnte.

 

Und jetzt bin ich dran! Mit meinem Leben, meinen Fragen, meinem Glauben und meinen Zweifeln.
Wieso soll’s mir anders gehen, als Petrus damals, Maria von Magdala oder Thomas?

 

Unterbrechung, meinte der kürzlich verstorbene Theologe Johann Baptist Metz, sei die kürzeste Definition von Religion.

Die Störung der Routinen, meinte ein anderer, sei ein Weg des heiligen Geistes, mit den Menschen in Kontakt zu kommen.

Und ich habe das in den harten Krisen meines Lebens erlebt: Immer wieder sind es auch die Risse in den Dingen, die Störungen und Unterbrechungen, durch die das Licht Gottes, das Licht einer Veränderung zu neuem, tieferem Leben hereinscheint.

 

Ich wünsche Euch gesegnete, lebendige Kar- und Ostertage in diesen „Anderszeiten“!

 

Tilman Kugler

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