Unterwegs zu was? Pilgern heute

Es ist eine Eigentümlichkeit unserer postmodernen Gesellschaft, dass sie mit Vorliebe alte, bewährte Konzepte ausgräbt, umdeutet, neu verpackt und dann als etwas ganz Neues „wieder“entdeckt. Soziologen haben sogar einen Fachbegriff dafür. Mit Dekonstruktion bezeichnen sie diese Form von Abbau, Auseinandernehmen und Neubau aus den Ruinen. Es ist dabei erstaunlich, welche Formen das zuweilen annimmt.
Ich beobachte nun schon seit längerem den Boom des Pilgerns, der seit Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ ungeahnte Dimensionen angenommen hat. Pilgern ist bekanntlich ein zutiefst spiritueller Prozess, ein „Beten zu Fuß“ und es ist ein erfreulich gegenläufiger Trend, dass in unserer zunehmend säkularen Zeit diese archaische Form der Spiritualität zu boomen scheint.
Doch nach einigen Gesprächen mit Pilgern im Freundes- und Bekanntenkreis beschleicht mich der Verdacht, dass auch hier die Postmoderne zugeschlagen hat: Auch hier wurde erfolgreich eine bewährte jahrhundertealte spirituelle Erfahrung von gläubigen Menschen, die sich auf lange schwierige individuelle Wachstumsprozesse eingelassen haben, zertrümmert, um aus ihren Trümmern Erlebnisreisen für Gruppen von sinnentleerten Menschen zu machen. Ich möchte eine gemeinsame Wanderung, gerne auch eine Wanderung über mehrere Tage nicht verteufeln, Gott bewahre, das ist sehr gesund und sicher auch ganz nett, dies in der Gruppe zu erleben. Aber nur weil die Gruppe jemanden dafür bezahlt, dass er sie stets vorm Mittagessen mit einem geistigen Impuls belästigt, macht das aus einer Gruppenreise noch keine spirituelle Unternehmung. Die Pilger von einst sind auf die Reise gegangen mit schwerem Gepäck – sie trugen ihre Sünden vor Gott und hofften auf eine Begegnung auf dem Weg und Vergebung am Ende. Die „Erlebnispilger“ von heute haben Kofferservice und schlafen in vorgebuchten Zimmern. Der Weg ist nicht mehr das Ziel – der Weg ist verloren gegangen auf dem Weg zu mehr Erlebnissen.

Thomas Riediger, Stuttgart

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Ein Kommentar zu Unterwegs zu was? Pilgern heute

  1. Ralph 24. Januar 2018 um 15:50 #

    Ich kenne sehr viele Pilger, die eben erst durch Gepäcktransport und Zimmerbuchung auf den Weg kommen und so intensive spirituelle Erfahrungen machen (können). Es muss nicht immer die harte Tour sein.

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