Vatersein – lebensbiografisch?

Neulich las ich diesen Begriff in einem Artikel zu Vatersein, der dort aber nicht weiter ausgeführt wurde, schade. Ich versuchte ihn deshalb an mir selber fest zu machen und zu überprüfen, ob bzw. wie er stimmt.
Ich (meine Frau und ich) habe/n 4 „Kinder“. 3 Töchter und einen Sohn zwischen 28 und 32 Jahre alt. Verheiratet, mit Kinder und Familie bzw. partnerschaftlich zusammenlebend bzw. alleine lebend, alle in „Lohn und Brot“, alle im Umkreis von ca. 120 km zum ursprünglichen Ort des Aufwachsens, an dem ich (wir) noch leben. Vielleicht haben Sie es ja ähnlich.
Was heißt jetzt Vatersein lebensbiografisch? Damals, als Vater mit einem, dann 2, 3 bzw. 4 kleinen Kindern war es klar. Meine Frau blieb gerne zu Hause. Ich war viele Jahre „Alleinernährer“ und nebenher Erzieher, Abenteurer, Nachhilfelehrer, ins Leben Begleiter, Tröster, Ermutiger, Stein des Anstoßes, Grenzzieher, Diskutant, strafender Vater, Ermöglicher … lebensbiografisch an dem ausgerichtet, was die Lebensbiografie der Kinder so brauchte. Ich selber hätte lebensbiografisch davon nichts gebraucht, wie wohl ich von vielem profitiert habe. Ich habe manches mit „anderen Augen sehen“ gelernt, Kinderspaß, Kindernaivität und Jugend-Stimmung haben meine Leben bereichert. An mir war lebensbiografisch nur dies, dass ich jung genug war (beim ersten Kind 27 Jahre), sehr kreativ, lustvoll und spontan gewesen zu sein, mich darauf ein zu lassen und nicht träge das Sofa vorgezogen zu haben. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – weil neu – zusammen mit anderen Vätern meines Alters gerne gelebt zu haben. Lebensbiografisch war es für mich eine Zeit des Gebens, des Lebens für andere (meine Kinder), des Zurückstellens eigener Wünsche ohne deshalb darunter zu „leiden“. Dies hat mir lebensbiografisch viel Lebenssinn vermittelt und war rückblickend mit die beste und schönste Zeit meines bisherigen Lebens.
Lebensbiografisch stehen die 4 heute mit „beiden Beinen auf der Erde“ und mit dem Herz im Glauben. Zu „Gott dem Vater“ haben sie eine Verbindung, das merke ich und ich finde es gut. Ich kann nicht mehr aufpassen, begleiten und zum Leben „erziehen“. Das tun sie selber bzw. tut ihr Gewissen bzw. ihr Glaube bzw. das „Wort Gottes“, bzw. die Gesellschaft und vieles und viele mehr.
Meine Vaterrolle ist jetzt die des vertrauten Freundes (wieder lebensbiografisch an ihnen orientiert) den man anrufen kann, wenn man sich sehen will (z. B.Weihnachten oder Geburtstag) oder weil man einen Rat braucht zu etwas, das in ihrem Lebenshorizont seither so noch nicht aufgetaucht ist. Viel raten kann man aber trotzdem nicht, weil meine Erfahrungen sind nicht die ihren. Man kann die meinen nicht wie mit einem Stick hier raus – und bei ihnen einstecken und übertragen. Die Person ist anders, die Lebensgeschichte, die Zeit, die Werte usw. Geht es Ihnen ähnlich?

Vatersein – lebensbiografisch? Für meine „Kinder“ hat es sich lebensbiografisch erledigt und damit für mich zwangsweise auch. Der „Kunde“ bestimmt das Maß, nicht der Anbieter. Auch wenn ich auf Grund besser finanzielle Mittel ein „Angebot“ machen würde (gemeinsame kostenlose Urlaubsreisen z. B.) verblasst ist trotzdem die Rolle und die Zuständigkeit, obwohl ich noch Lust, Kraft und Zeit dazu hätte. Klar, die Enkel, die bereits da sind und vermutlich noch kommen werden. Aber das ist etwas anderes. Hier stimmt der Begriff lebensbiografisch für mich. Jetzt ist Opasein angesagt, nicht mehr Vatersein.

Ich bin froh es gehabt zu haben, es so gehabt zu haben. Es hätte auch alles ganz anders laufen können: Keine Kinder, Vater sein mit einem behinderten Kind wo das Vatersein irgendwie nicht endet, alleinerziehend, … So wie es war, hat es mein Leben biografisch sehr bereichert. Und wie ist/war es bei Ihnen?

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