Visite

Eigentlich ein ganz normaler Visitentag. Dachte ich. Mit Gesprächen über die kaputten Knochen, deren Heilung, über das Fortschreiten der Genesung, und ja, dass man Geduld haben müsse, und dass die Dinge ihre Zeit brauchen, um heil werden zu können. Ich erzähle den Patienten dann gerne von der sogenannten „biologischen, von Gott vorgegebenen Knochenheilungszeit“. Und dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht (arabisches Sprichwort).
Daraufhin fragt mich ein Patient, ob ich gläubig sei. Ich bejahe. Nun erzählt er mir mit ruhiger Stimme, dass er sich während seines Skisturzes (bei dem er sich etliche Knochen brach) völlig „fallen“ ließ als er dachte, jetzt werde er sterben. Er konnte dies, weil er sich innerlich in Gott geborgen fühlte. Daraus entwickelt sich ein längeres Gespräch über seinen Glauben. Er erzählt mir von seiner Bekehrung mit 15 Jahren. Seit diesem Zeitpunkt sei er gläubig. Er erzählte, wie der Glaube ihm helfe und ihn durch schwere Zeiten gelassen trage. Es freute ihn sehr, diesen seinen Glauben jetzt mit mir zu teilen.
Wir schauen uns nochmal seine Röntgenbilder an und ich erzähle ihm, wie wunderbar Gott unsere zerbrochenen Knochen wieder heilen lässt. „Wow“, kommt es ihm über die Lippen. Wir staunen. Beide. Werden uns gegenseitig zum Segen. Ein paar Tage zuvor habe ich selber darum gebetet, dass Gott mir meinen Platz im Leben zeigen möge, an dem ich für IHN eine Aufgabe übernehmen kann. Habe ihm von meiner Sehnsucht erklärt, die Gedanken an einen personifizierten Gott mit jemandem teilen zu können. Da schickt er mir diesen Patienten…
Bei der nächsten Visite teile ich dies dem Mann mit. Wir werden uns immer vertrauter, spüren, wie der gemeinsame Glaube uns eine Innigkeit schenkt und wie Gott uns gegenseitig gebraucht, damit uns beiden „geholfen“ wird. Wir staunen über die kleinen Wunder im Alltag die Gott bereithält, wenn wir IHN darum bitten und aufmerksam und mit wachem Sinn Ausschau danach halten.
Seit diesem Gespräch freuen wir uns auf jede neue Visite, denn wir sind im Glauben miteinander verbunden. Das trägt über körperliche und seelische Krisen hinweg und gibt den Blick frei, auf die Ewigkeit.

Joachim Schuchert

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Ein Kommentar zu Visite

  1. Dr. Ingo Sperl 13. Juni 2018 um 10:52 #

    Manchmal mutet er uns aber auch solche Schmerzen zu, dass ich mich gar nicht mehr getragen fühlen kann. Manchmal nimmt er mir alle Kraft, dass ich mich nicht mehr freuen kann. Für Freude oder einen freien Blick braucht es immer auch noch ein wenig Kraft.

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