Wann, wenn nicht heute?

Die Besprechung ist gut gelaufen. Der Verkehr auf der Autobahn ist erträglich. In eineinhalb bis zwei Stunden könnte ich wieder m Büro sein… ach, dieses Hinweisschild zur Autobahnkapelle. Wie oft bin ich da schon vorbei gefahren und habe gedacht: „Ja – eine kleine Pause, ein bisschen Innehalten wäre jetzt genau das richtige!“ Klar, wenn Zeitdruck ist, dann träumst Du vom Innehalten. Machst es aber nicht. Weil Zeitdruck ist.
Heute ist kein Zeitdruck. Also … zumindest nicht wirklich. Natürlich liegen noch Sachen auf dem Schreibtisch. Und in der Mailbox befinden sich bestimmt etliche Echos auf Aktivitäten meinerseits der letzten Tage. Oder neue Anfragen an mich.
Es ist, wie wenn ich erst eine innere Schwelle überwinden muss, um den Blinker zu setzen, abzubremsen und die Ausfahrt zur Autobahnkapelle zu nehmen. Was macht es mir so schwer, mir eine Auszeit zu nehmen?
Ist es die hohe Geschwindigkeit, mit der ich unterwegs bin?
„Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion“ hat ein theologischen Lehrer mal gesagt. Genau darum geht’s in dem Moment auf der Autobahn: Dass ich meine Alltagsroutine unterbreche und dem „ganz Anderen“, nämlich Gott, Raum gebe.
Ich mach’s! Fahr durch ein kleines Dorf, einen Hügel hoch, und steh dann vor einem einladenden Rundbau. Von dort aus sieht die (ach so wichtige) Autobahn aus, wie Spielzeug. Und sie durchschneidet Felder und Wiesen, und streift fast einen Bauernhof, den es hier vermutlich schon viel länger gibt als die Autobahn. Für die, die dort wohnen, ist das sicher kein Spaß. Aber für die zig Tausende Urlauber, die jedes Jahr schnell an den See kommen, schon. Ganz unbeabsichtigt komme ich ins Beten: Ja, Gott, das ist die Welt, die Du uns anvertraust. Stimmen die ökologischen Gleichgewichte noch? Sollten wir die bäuerliche und ökologische Landwirtschaft mehr gegen die Industrialisierung durch Nahrungsmittelkonzerne schützen? In was für einer Welt werden meine Enkel einmal leben? Werden sie auch noch Dich als den Schöpfer hinter all dem, was sie sehen, erahnen können? …
Ich geh in die Kapelle. Und ich fühle mich sofort geborgen in dem lichten freundlichen Rund aus hellem Putz, vielen Fenstern und Holz. Und man sieht den Himmel!
Dankbarkeit durchströmt mich, und ich stell zu den wenigen brennenden Kerzen eine dazu. „Für … hm …“ mir fällt so vieles ein … „Für alle und alles!“ – Ja Gott, dass alles am Ende gut wird, darum bitte und darauf vertraue ich. Und ich spüre, dass es auch an mir liegt, und an all denen, mit denen ich es im Leben zu tun habe. Es ist auch mein und unser Job, die Welt zu retten. Amen.

Tilman Kugler, Katholische Männerarbeit

Wie gefällt Ihnen dieser Beitrag?

  • Sehr gut (6)
  • Gut (5)
  • Geht so (1)
  • Gar nicht (0)

, , ,

Noch keine Kommentare.

Schreibe einen Kommentar