Wie auch wir vergeben unseren Vätern

Neulich hat es mich voll erwischt. Dachte ich doch, mit meinem Vater bin ich ganz im Reinen. Schließlich ist er schon über 20 Jahre tot. Ich hatte meinen Frieden gemacht. Alles durchgekaut und abgearbeitet, was es dazu zu sagen gab. Und dann das: Im Gespräch mit einem Seelsorger wird mir plötzlich klar: Ich habe meinem Vater etwas zu vergeben. Er hat mich verletzt. Als Kind. Und ich habe es ihm nie verziehen, habe es abgekapselt und schön geredet. Und jetzt ist es wieder da. Voll da. Der ganze Schmerz.
Dabei hatte ich erst vor einiger Zeit mein Buch über Väter geschrieben und veröffentlicht: „Mann, Papa – Wie läuft’s?“ Darin habe ich und einige andere Männer erzählt, was mein (ihr) Vater – mir (ihnen) alles fürs Leben mitgegeben hat: Ins Leben geführt, Sport gemacht, Tipps gegeben, ins Laufen gebracht. Mein toller Vater!
Aber es gab auch das: Haltlosigkeit und Hilflosigkeit, Wut, Aggression und Gewalt. Im Stich gelassen hat er mich. Mit meinen kindlichen Ängsten allein gelassen. Seine Probleme mit seinem Vater an mich weiter gereicht. Ich ahnte es. Habe es aber verdrängt und in dem Buch nicht erwähnt. Bis zu diesem seelsorgerlichen Gespräch. Zum Glück habe ich da etwas kennengelernt, was für mich hilfreich ist. Konrad Stauss hat eine sehr hilfreiche Methode entwickelt. Wer will kann, sie in einem Buch nachlesen: „Die heilende Kraft der Vergebung: Die sieben Phasen spirituell-therapeutischer Vergebungs- und Versöhnungsarbeit“.
Der Punkt dabei ist: Echte Freiheit erhalten wir erst, wenn wir das, was sich seit der Kindheit angestaut hat, loslassen und vergeben können. Natürlich glaubt Mann, dass er gar nichts zu vergeben hat. Natürlich war der Vater immer in Ordnung und das, was er tat, zu entschuldigen. Ein Kind will seinen „Lebensrahmen“ ja nicht selber in Frage stellen, den die eigenen Eltern bilden.
Ich kann jetzt bestätigen: Wer erkennt, dass es tatsächlich etwas zu vergeben gibt und seinem Vater auch vergeben kann, für den ist es ein Gefühl, als würden große Mauern verschwinden und der Blick ins Weite wird frei. Ein Blick in ungeahnte Landschaften, die bisher unbekannt waren, die das eigene, weitere Leben bereichern.
Sich mit dem eigenen Vater auseinander zu setzen, lohnt sich wirklich, auch in dem, was daran „dunkel“ war. Die Licht-Seiten werden dabei nicht verloren gehen. Und: Die Vaterunser-Bitte hat sich für mich dadurch verwandelt in den Satz: „Wie auch wir vergeben unseren Vätern.“

Alexander Schweda ist Journalist, Musiker, Logotherapeut und Autor

Wie gefällt Ihnen dieser Beitrag?

  • Sehr gut (7)
  • Gut (6)
  • Geht so (1)
  • Gar nicht (0)
Noch keine Kommentare.

Schreibe einen Kommentar